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Offener Brief von Mitarbeiter Delmenhorster Pfleger wehrt sich gegen Klinik-Hetze bei Facebook

Von Michael Korn | 15.12.2016, 12:21 Uhr

In einem Offenen Brief wehrt sich der Vorsitzende des Holdingrats am Josef-Hospital Delmenhorst, Olaf Mehlis, gegen die Klinik-Hetze bei Facebook im Zusammenhang mit der Mordserie von Niels H.

Der Offene Brief von Olaf Mehlis (46), Vorsitzender des Holdingrates am Josef-Hospital Delmenhorst, im Wortlaut:

„Sind jetzt auf einmal Krankenpflegekräfte Mörder, weil in unserem Krankenhaus vor zehn Jahren so furchtbare Verbrechen geschehen sind? Ich arbeite seit knapp 30 Jahren im heutigen Josef-Hospital. Was meine Kollegen und ich zurzeit durchstehen müssen, ist unbeschreiblich. Momentan scheint es mir so, als wären sämtliche Mitarbeiter des ehemaligen Klinikums nur noch Niels H. Wir werden kollektiv mit einem einzelnen Massenmörder in einen Topf geworfen , obwohl unser einziges Verbrechen darin besteht, in dem Haus zu arbeiten, in dem er vor vielen Jahren sein Unwesen trieb. Unsere persönliche Schuld besteht in den Augen der Öffentlichkeit wohl darin, dass wir dort immer noch (im Gegensatz zu ihm) verantwortungsvoll unserem Beruf nachgehen. Doch wirklich unverzeihlich scheint es zu sein, dass wir überhaupt in einem so wenig geachteten Beruf arbeiten: Tag für Tag, rund um die Uhr, im Dreischichtsystem. Für und mit Menschen, die dringend unsere Hilfe benötigen, weil sie alt, krank und pflegebedürftig sind. Menschen, für die wir immer weniger Zeit haben, mit denen wir gemeinsam unter immer schlechter werdenden finanziellen und personellen Rahmenbedingungen leiden.

Prügel beziehen die Pflegekräfte

Übrigens nicht nur in unserem Haus, wie manche „Klinik-Experten“ offensichtlich meinen, sondern durchaus bundesweit. Die Weichen für diese Entwicklungen haben die politischen Entscheider gestellt, die unser Krankenhaus(finanzierungs)system erst am ausgestreckten Arm verhungern lassen, diese Not dann aber hinterher von den Patienten und den Beschäftigten ausbaden lassen. Die Prügel dafür, beziehen wir, die Pflegekräfte. Als Dank für unseren unermüdlichen Einsatz, unsere fachlich kompetente Zuwendung und jedes freundliche Lächeln, das wir trotz dieser miesen Umstände noch zustande bringen. Und hier in Delmenhorst bekommen wir obendrauf jetzt noch jeden Tag von den örtlichen „Berufsbeschwerern“ die „Niels-H.-Gedächtnismedaille“ verliehen . Die selbst ernannten Delmenhorster Stadtdiskutanten lärmen vor der Kulisse des ehemaligen Klinikums, als wäre es die Räuberhöhle und die darinnen hausen seien eine Bande von Mördern, die durch die lokale Presse und die sozialen Medien getrieben wird und mit Schimpf und Schande aus der Stadt gejagt gehört. Es haben sich wohl viele bis heute noch nicht klar gemacht, dass sie auch mal ganz schnell in ein Krankenhaus eingeliefert werden müssen. Wenn sie dort Bedingungen vorfinden wollen, die ihnen eine gute Behandlung ermöglichen, dann brauchen die Beschäftigten in diesen Häusern allerdings ganz andere Hilfen, als nur öffentlich geschmäht zu werden.

Oft kein Kollege in der Nähe

Vielleicht diskutieren wir (stattdessen) mal darüber, dass dieser Mörder auch deshalb so lange unentdeckt blieb, weil da oft gar kein Kollege in der Nähe war, der wegschauen konnte , also die personelle Situation ihm dafür ausreichend Gelegenheit gab. Weil sogar ein geäußerter Verdacht, der Kollege könne möglicherweise ein Mörder sein, für jeden, der damit konfrontiert wird, im ersten Moment so grausam, so absurd, so unvorstellbar ist, dass wir uns alle mal selbst die Frage stellen können, ob wir da auf einen solchen unerhörten Hinweis wohl reagiert hätten. Zumal es sich dabei um eine so ungeheuerliche Verdächtigung handelt, dass man selbst schnell Gefahr läuft, sich eines Mordes, nämlich eines Rufmordes, schuldig machen würde. Gewiss sind wir heute schlauer, natürlich sind wir sensibler, und ja: eine öffentliche Aufarbeitung dieser Greuel vor 10 Jahren ist nötig. Was aber in den sozialen Medien stattfindet, hat nichts mit Aufklärung zu tun, sondern erschöpft sich in schierer Hetze. Vor allem dort fühlen Menschen sich berufen, Schreckensszenarien zu verbreiten, Unwahrheiten auszusprechen, ohne sie zu hinterfragen, sich allseitig zu informieren oder mit betroffenen Verantwortlichen, zum Beispiel auch in der Klinik, zu sprechen.

Unkenntnis und Ignoranz

Hier findet aktuell eine dreifache Vermischung statt: der Einzelfall, wie auch immer zu beurteilen, die spezielle Situation in Delmenhorst, die Zusammenführung und die bundesweite Situation der Pflege überhaupt, ist derartig dreist und unfair und sie verrät Unkenntnis und Ignoranz. Ich fürchte, solche Menschen unterschätzen ihr eigenes Handeln in ihren Auswirkungen. Dabei geht es nicht nur um die juristische Tragweite unwahrer öffentlicher Behauptungen , sondern die eigene Wahrnehmung vorgeblicher Zivilcourage (die vielleicht tatsächlich als solche empfunden wird), sondern auch um die Gefahren, die in einer solch einseitigen öffentlichen Wahrnehmung letztlich für alle Menschen, nicht nur die Beschäftigten, entstehen. Resultat könnte sein: eine Stadt verliert ihr Krankenhaus, mit mehr als 1000 Arbeitsplätzen!“