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Opfer und Täter eingespannt Was in Delmenhorst bei häuslicher Gewalt passiert

Von Vincent Buß | 21.11.2018, 17:20 Uhr

Rund 270 Fälle häuslicher Gewalt sind in diesem Jahr in Delmenhorst bereits gemeldet worden. Um diese wird sich in der Stadt auf eine besondere Weise gekümmert.

Ein Delmenhorster lässt seine Frau nur zum Sportkurs gehen, wenn sie die Wohnung aufräumt. Und findet immer wieder Stellen, an denen es ihm noch zu dreckig ist. Folge: Die Frau muss zuhause bleiben. Auch das ist laut der Gleichstellungsbeauftragten der Stadt, Petra Borrmann, häusliche Gewalt – psychische nämlich. Neben Körperverletzungen, Sachbeschädigung, Bedrohung oder Hausfriedensbruch nur eine ihrer Formen.

Wie es dann weitergeht

Im besten Fall geht daraufhin bei der Polizei ein Notruf ein, von den Opfern selbst, Kindern oder Nachbarn. Dann greift in Delmenhorst eine spezielle Handlungskette, das Interventionsmodell bei häuslicher Gewalt. Diverse Einrichtungen tauschen sich aus, um den Opfern zu helfen. Und auch den Tätern – in 90 Prozent der Delmenhorster Fälle waren das Männer.

Zunächst kommt die Polizei in das Haus oder die Wohnung. Sie prüft, ob Kinder da sind, es Verletzte oder Kampfspuren gibt. Alle Beteiligten werden möglichst in getrennten Räumen befragt. Dem Täter kann ein bis zu 14-tägiger Platzverweis drohen, auch eine Abnahme der Haustürschlüssel ist möglich. „Manchmal will aber auch das Opfer gehen aus Angst, dass der Täter trotzdem wiederkommt“, weiß Sabine Rautenberg von der Polizeiinspektion Delmenhorst. Straftaten werden der Staatsanwaltschaft gemeldet, jeder Polizeieinsatz aber auch anderen Einrichtungen.

Angebote für Geschädigte

So nimmt die Beratungs- und Interventionsstelle bei häuslicher Gewalt (BISS), die dem AWO-Frauenhaus angegliedert ist, Kontakt zu den geschädigten Personen auf. „Wir verschaffen und erst einmal einen Überblick, was eigentlich passiert ist“, erklärt Christin Finger vom Frauenhaus. „Oftmals stecken längere Geschichten dahinter.“ Das BISS bietet dann Beratungen an.

Sind Minderjährige involviert, schaltet sich das Jugendamt ein, etwa durch Hausbesuche. „Früher hieß es oft: Der Mann hat zwar seine Frau geschlagen, ist aber ein liebevoller Vater“, erinnert sich Borrmann. Mittlerweile hätten sich die Ansichten geändert. Olaf Meyer-Helfers vom Allgemeinen Sozialen Dienst ergänzt: „Denn wenn Kinder in Angst- und Gewaltmilieus aufwachsen, wird ihre Entwicklung beeinträchtigt.“

Das passiert mit Tätern

Seit 2014 gibt es auch in Delmenhorst Angebote für Täter, in Form des Oldenburger Interventionsprojekts (OLIP). In Einzelgesprächen und im Gruppentraining setzen sich diese mit ihrer eigenen Gewalttätigkeit auseinander. „Eine Verhaltensänderung ist möglich“, betont Mitarbeiterin Veronika Hillenstedt. Täter könnten lernen, komplett auf Gewalt zu verzichten.

Therapiearbeit befürwortet auch Gerold De Boer von der Staatsanwaltschaft Oldenburg. „Vor allem, weil Täter und Opfer oft weiterhin zusammenleben.“ Die Staatsanwaltschaft verfolgt alle ihr übermittelten Fälle, es können Geld- und Freiheitsstrafen drohen. Das Problem an Geldstrafen ist nach De Boers Ansicht, dass manche Täter die Opfer dazu zwingen, die Strafe vom Haushaltsgeld zu bezahlen.

Entwicklung in Delmenhorst

2017 wurden in Delmenhorst laut Borrmann 317 Fälle häuslicher Gewalt gemeldet. In diesem Jahr waren es Ende Oktober 270, sodass es zum Jahresende wahrscheinlich in etwa so viele werden wie 2017. Aber nicht alle Fälle werden gemeldet, es gibt eine Dunkelziffer. „Opfer wollen oft nicht, dass sich ihr gesamtes Leben ändert, sondern nur, dass die Gewalt aufhört“, erklärt Borrmann. Auch wirtschaftliche Abhängigkeit vom Partner hinderten manche an der Meldung. Aus seiner beruflichen Erfahrung weiß De Boer aber nach eigenen Angaben: „Häusliche Gewalt ist ohne Interventionsmodell nicht zu bekämpfen.“

Auch die SPD-Bundestagsabgeordnete Susanne Mittag spricht sich für ein umfassendes Angebot aus, insbesondere für weibliche Opfer häuslicher Gewalt: „Es braucht seit Jahren und auch heute eine Kette von Maßnahmen und Angeboten für Frauen, um dem entgegenzutreten.“