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Plädoyer für die Blockflöte Delmenhorster Musikschulleiter lobt „Qietschprügel“

Von Marco Julius | 20.12.2016, 08:32 Uhr

Zum Weihnachtsfest wird die Blockflöte in vielen Familien wieder hervorgeholt. Um ihr Image steht es nicht zum Besten; zu Unrecht, findet Michael Müller.

In den kommenden Tagen rückt sie wieder in den Mittelpunkt. Tausende Kinder werden unterm Baum „Ihr Kinderlein kommet“ und andere Lieder auf ihr spielen, oft mehr schlecht als recht: die Rede ist von der Blockflöte. „Was ist schlimmer als eine Blockflöte? Zwei Blockflöten“, so lautet ein alter Witz. Notholz, Klangschnuller: Michael Müller, Leiter der städtischen Musikschule (MSD), kennt all die Verunglimpfungen des Instrumentes. „Quietschprügel ist auch gebräuchlich“, sagt er. Und doch bricht er eine Lanze für die Flöte, die viele als Folterinstrument ihrer Kindheit kennengelernt haben.

Unschuldig und warm im Ton

„Die Blockflöte mit ihrem warmen und unschuldigen Ton ist ein vollwertiges und schönes Instrument“, sagt er. Das Ende der Blockflöte, das viele Musikexperten bereits vorausgesagt haben, ist für Müller jedenfalls längst nicht nah. Im Gegenteil: „Das tiefe Tal hat die Blockflöte aus meiner Sicht bereits hinter sich gelassen.“ Sicher, die Zahl der Schüler, die das Spielen der Blockflöte erlernen wolle, sei ab Mitte der neunziger Jahre stark zurückgegangen, bundesweit, aber auch in Delmenhorst. Aber die Entwicklung sei derzeit durchaus wieder positiv.

Blockflöte gehörte früher zur Basisausbildung

Der starke Rückgang ab den neunziger Jahren sei vor allem damit zu erklären, dass in dieser Zeit bautechnisch veränderte, kindgerechte Instrumente auf den Markt kamen: kleine Geigen oder Bratschen etwa. Das Einstiegsalter für Trompete hat früher bei zwölf Jahren gelegen, heute fangen Kinder mit sechs, sieben Jahren an. „Kinder können heute direkt ihr Wunschinstrument erlernen und müssen nicht den ,Umweg‘ über die Blockflöte nehmen“, sagt Müller. Eine andere Herangehensweise in der Ausbildung in der Musikschule tat ihr Übriges. „Die Blockflöte war früher ein Parkinstrument, um Zeit zu überbrücken und erste Kenntnisse zu vermitteln. Die Blockflöte gehörte zur Basisausbildung. Diese Zeiten sind vorbei“, weiß Müller. Er sagt aber auch: „Die Blockflöte bietet bereits sehr jungen Schülerinnen und Schülern noch immer die Möglichkeit, ohne große Vorerfahrung zu schnellen musikalischen Anfangserfolgen zu gelangen.“

 Müller erinnert auch an Gabor Vosteen, der an der MSD das Flötespielen erlernt hat, und der heute als vielfach preisgekrönter Clown virtuos auf mehreren Flöten spielt. „Gabor ist ein Genie an der Flöte, er zeigt, was mit dem Instrument möglich ist. Und wenn David Garrett statt Geige Flöte spielen würde, hätten wir auch hier einen riesigen Boom.“

Junge Schüler und die „Mozartkugeln“

An der MSD werden derzeit 45 Blockflötenspielern die Flötentöne beigebracht, ganz junge spielen im Musikreis, ein Flötenkreis im gesetzteren Alter kommt als „Mozartkugeln“ zusammen.

Hat unlängst nicht sogar Kanzlerin Merkel Werbung für die Blockflöte gemacht? Auf dem CDU-Parteitag empfahl sie als Mittel gegen die „Angst vor dem Islam“: „Dann muss man eben mal ein paar Liederzettel kopieren und einen, der noch Blockflöte spielen kann, mal bitten.“ So weit muss man nicht gehen, um die oft zu Unrecht belächelte Blockflöte zu rehabilitieren. Der Verweis auf zunehmend gute Literatur langt völlig. Der Farbenreichtum der Blockflöte reicht von der Alten Musik bis zur musikalischen Avantgarde. Daran sollte jeder denken, wenn an Heiligabend nicht jeder Ton sitzt.