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Plädoyers für Menschlichkeit Delmenhorster Hildegard-Stift feiert 60. Geburtstag

Von Alexander Schnackenburg | 29.08.2015, 11:08 Uhr

Mahnende Worte trotz festlicher Stimmung: Zum 60-jährigen Bestehen des Hildegard-Stifts forderte Prälat Peter Kossen einen verbindlichen Tarifvertrag für die Pflege. Pastor Hubert von der Heide verglich pflegebedürftige Senioren mit Flüchtlingen: beide hätten Anspruch auf Hilfe.

Zur Feier des Tages überreichte Landrat Carsten Harings Pflegeleiterin Schwester Petra Kszyminski ein Windlicht: „Möge es den Bewohnern des Stifts immer leuchten“, sagte der parteilose Harings dazu. Zuvor hatte er die Entwicklung des Hildegard-Stifts von 1955 bis heute – zu seinem 60-jährigen Bestehen – von einem der ersten Altenheime der Region überhaupt zu einem „zeitgemäßen Heim mit zeitgemäßem Qualitätsmanagement“ skizziert.

„Kein Warenkorb von Dienstleistungen“

Harings hatte seine Rede offenbar verfasst, ohne zu ahnen, was unmittelbar vor ihm Prälat Peter Kossens, der Hauptredner, zum Jubiläum des Stifts sagen würde. Denn gerade die marktwirtschaftliche Herangehensweise der Politik an die Pflege kritisierte der Prälat scharf: Es sei nicht in Ordnung, dass die Politik die Entscheidung darüber, wie pflegebedürftige ältere Menschen versorgt würden, in die Hände der Pflege- und Krankenkassen gelegt habe: „Pflege ist Begleitung und nicht ein Warenkorb von Dienstleistungen“, so Kossen. Er forderte einen „verbindlichen Tarifvertrag für die Pflege“. Schon im Jahr 2020 würden in Deutschland über 12000 Pflegekräfte mehr gebraucht, als es heute gebe: „Doch wo sollen diese herkommen, wenn man die Entwicklungen im Bereich der Pflege sieht?“, fragte er das Festpublikum rhetorisch. Kossen wünscht sich, dass „ein Haus wie das Hildegard-Stift auch in Zukunft seinen wichtigen Auftrag erfüllen kann.“ Christliche Altenpflege sei viel mehr als ein Geschäft.

Vergleich mit Flüchtlingen

Vor Kossen hatte Pastor Hubert von der Heide, Vorsitzender des Kuratoriums, die Situation von Senioren, welche in ein Altenheim zögen, mit jener von Flüchtlingen verglichen: Beide müssten ihre angestammte Heimat aufgeben, stünden vor großen psychischen Herausforderungen. Die Aufgabe bestehe darin, „diesen Menschen eine neue Heimat zu ermöglichen“, bezog von der Heide nicht nur mit Hinblick auf die Pflege-, sondern auch auf die Flüchtlingspolitik Stellung. Das Hildegard-Stift erfülle diese gesellschaftliche Aufgabe seit 60 Jahren vorbildlich, so der Pastor weiter. Damals habe das Stift zunächst Vertriebene beherbergt, die durch den Zweiten Weltkrieg heimatlos geworden seien, ehe es sich zum Altenheim mit mittlerweile 85 Plätzen und über 60 Mitarbeitern entwickelt habe.