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Präventionstag in Realschule Süchtige berichten über sich vor Delmenhorster Schülern

Von Frederik Grabbe | 08.05.2017, 19:19 Uhr

Wie gerät jemand in den Drogensumpf? Und was stellen Drogen mit einem an? Fragen wie solche beantworteten am Montag junge Süchtige beim „Aktionstag Durchblick“ in der Realschule an der Lilienstraße. Ihre Schicksale schockierten mitunter.

Es waren nicht gerade sanfte Gute-Nacht-Geschichten, die Schüler der Realschule an der Lilienstraße am Montag erzählt bekommen haben: Acht Jugendliche von der Dietrich-Bonhoeffer-Klinik aus Ahlhorn haben vor drei Schulklassen von ihren eigenen Drogenkarrieren erzählt – und davon, was die Sucht aus ihnen gemacht hat. Organisiert wurde der suchtpräventive „Aktionstag Durchblick“ vom Kommunalen Präventionsrat (KPR) der Stadt Delmenhorst.

Erst Cannabis, dann härtere Drogen

„Die Augen waren groß. Die Schüler waren schockiert.“ Mit diesen Worten schilderte einer der süchtigen Jugendlichen die Reaktionen der Delmenhorster Realschüler auf seine Suchtbiografie. Dass diese Geschichten für Außenstehende kaum zu glauben sind, ließ sich an der Erzählung des heute 18-jährigen Costa nachvollziehen. Den ersten Kontakt zu Cannabis hatte er mit elf Jahren, mit 15 nahm er harte Drogen wie Kokain und LSD, schilderte er. „Meine Mutter war Alkoholikerin, hatte wechselnden Männerbesuch und schlug mich häufig. Cannabis verlieh mir ein gutes Gefühl, im Gegensatz zu den ständigen Schlägen“, schilderte der junge Mann. Als sich dann seine Freundin von ihm trennte, griff er zu harten Drogen. In der Berufsschule wurde die Sucht dann unerträglich. Doch der Schritt in die Therapie gelang. „Heute fühle ich Stärke und Stolz, weil ich dabei bin, den Ausstieg anzugehen.“ Welche Folgen schwerer Drogenkonsum haben kann, zeigte das Beispiel von René. Übermäßiger Speed-Konsum verursachte eine Psychose, bis heute müsse er Neuroleptika nehmen. „Die nächsten Jahre ist René von Unterstützung abhängig, das Tempo, die ein normaler Schul- oder Arbeitsalltag erfordert, kann er nicht mehr leisten“, beschrieb Christoph Rohr, Mitarbeiter der Dietrich-Bonhoeffer-Klinik.

Acht Geschichten als Therapie

Der Besuch der acht Jugendlichen in der Realschule, die aus dem gesamten Bundesgebiet stammten, darf getrost als Therapieansatz verstanden werden. Schließlich erfordert es eine Menge Mut, sich so offen, von seinen eigenen Problemen zu erzählen. Dabei zeigte sich: Cannabis als Einstiegsdroge ist weit verbreitet. Das soziale Umfeld, dass mit der illegalen Droge einhergehe, eröffne auch Szenekontakte zu härteren Drogen. Besorgniserregender Cannabiskonsum: „Fast die Hälfte der 17-Jährigen hat schon einmal gekifft“, sagt Henning Fietz von der Delmenhorster drob. Foto: Daniel Karmann/dpa

Theater und Rauschbrillen

Neben den Gesprächen mit den Betroffenen Theaterstück bot der Aktionstag das Theaterstück „Flasche leer!“ des Schauspielkollektivs Lüneburg. Zudem war die Polizei mit sogenannten Rauschbrillen vor Ort, die Blickfelder im alkoholisierten Zustand simulieren. Gesponsert wurde der Präventionstag von der Sparda-Bank.

Besorgniserregender Cannabis-Konsum

Für Delmenhorst gesprochen lässt sich festhalten, dass der Alkohol- und Tabakkonsum unter Jugendlichen seit Jahren zurückgeht. Dies sagte Henning Fietz von der Drogenberatungsstelle (drob), Mitglied im Delmenhorster KPR. Besorgniserregend sei der Cannabiskonsum: „Fast die Hälfte der 17-Jährigen hat schon einmal gekifft“. Dabei bezog sich Fietz unter anderem auf Erkenntnisse der jüngsten Delmenhorster Schülerstudie. Der „Aktionstag Durchblick“ wird regelmäßig in den Jahrgängen sechs, acht und zehn an allen weiterführenden Schulen in der Stadt – außer den Gymnasien – angeboten.