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Premiere des NTD Delmenhorst „De Falkenborg“ der Jugend hat bannig Dampf

Von Kai Hasse | 24.09.2017, 13:50 Uhr

Mit Musik, Tanz und viel Verve ist die Jugend des Niederdeutschen Theaters Delmenhorst in die 90. Spielzeit gestartet. Das Publikum ist von „De Falkenborg“ begeistert, NTD-Chef Wieting zu Recht stolz auf die Truppe, und obendrein gab es einen Förderpreis der Oldenburgischen Landschaft.

Die Jugend des Niederdeutschen Theater Delmenhorst ist in die Spielzeit gestartet. Das mit Bedacht: Das Theater will zeigen, dass es jung ist. Und mit Erfolg: Die „Jungs un Deerns“ und jungen Erwachsenen haben mit „De Falkenborg“ bannig Verve gezeigt.

Praktische Todesfälle

Los geht es erstmal mit Mord und Totschlag. Burgherr Jeronimus und seine Frau Adelheid wollen alle erbberechtigten Geschwister und Schwager vergiften, um allein die Burg zu besitzen und den „Schatz“, der darin verborgen liegt, zu bergen. Die zum vergifteten Drink eingeladenen Verwandten verscheiden praktischerweise schon bei absurden Unfällen – das feiert Adelheid blöderweise ausgerechnet mit dem vergifteten Wein und lebt ebenfalls ab. Sie und ihre Verwandten leben nun als Geist weiter.

Bunter Strauß der Pubertät

Jeronimus hätte also freie Bahn. Aber: Eine von seiner Schwester noch vor dem Tod eingeladene Schülergruppe trifft nun ein. Die Kinder sind die ganze grausige Gemengelage der Spätpubertät: Jähzornige Rebellin, Streberlein, nervige Tussi, Nachwuchs-Fatzke, Nerd, sonderliche Außenseiterin, Pfadfinder, und eine verantwortungsbewusste Macherin. Die Kinder gucken sich die Welt durch ihr Smartphone an, wie wenn es ein Periskop wäre – und hier der Schock: Auf der Burg gibt es weder Strom noch Empfang noch WLAN.

Jugendliche müssen Opfer bringen

Nun entspannt sich der eigentliche Plot: Die Kinder wollen am liebsten wieder zurück in die Zivilisation. Hausherr Jeronimus hat voll keinen Nerv für die rumstreunenden Jugendlichen, sucht den Schatz, und wird von den Geistern geplagt, die wenig begeistert sind über ihren Zustand und Erlösung suchen. Das können sie aber nur, wie sich herausstellt, indem die Jugendlichen Opfer bringen. Und tatsächlich arrangieren sich die Gruppen. Und die Jugendlichen lernen, sich einander zu akzeptieren. Nicht ohne Pathos stellen sie fest: „Wi stahn tosamen – Good tegen Böös!“

Ein Jammer: Nur noch zwei Aufführungen

Den Rest muss man sehen. Zweimal noch tritt die NTD-Jugend auf: am 29. und 30. September. Ein Jammer, dass es nur noch zwei Mal ist. Denn das Ganze ist eine enorm starke Leistung.

Für Klugschnacker: Hin und wieder haben die Texte nicht ganz gesessen. Manchmal muss die Aussprache deutlicher und gern eine Nuance langsamer sein, gerade weil es Platt ist. Schwamm drüber.

Ernstzunehmendes Ensemble

Wichtiger ist, was sich da auf der Bühne entwickelt hat. Was vor einigen Jahren mit wenig mehr als einer Handvoll Jugendlicher begann, ist ein sehr ernstzunehmendes junges Amateurensemble. Und das mit sehr schönen musikalischen Ideen: Die Jugendlichen tanzen quasi als Intermezzo mittendrin ein Zombie-Ballett auf Michael Jacksons „Thriller“. Geronimus singt, um zu zeigen, dass er der Chef im Haus ist, eine plattdeutsche Version von Sinatras „New York“ („Min Borg“). Als es ihm an den Kragen geht, gibt es eine plattdeutsche Version samt Choreografie vom „Time Warp“ der Rocky Horror Show. Statt „Let‘s do the time warp again“ singen die „Danz för dat Glück up de Eer“.

Schauspieler können stolz sein

Das macht verdammt viel Spaß. Nicht nur den Zuschauern, sondern auch den Jugendlichen. Im Publikum saßen eine Menge Eltern und Freunde, die stolz sein können auf Sprössling oder Schulkamerad. Wichtiger: Die Jugendlichen selbst können stolz sein auf sich.

Förderpreis für Jugendarbeit

Stolz war auch NTD-Vorsitzender Dirk Wieting. Auf die Jungs un Deerns, die Jungschauspieler, Choreografin Christine Petershagen, und auf Martina Brünjes, die das Stück auch mit Anregungen der Jugendlichen geschrieben hatte und Regie führte. Sie hatte am Ende auch Grund, ein wenig vor Glück zu weinen: Dirk Vorlauf von der Oldenburgischen Landschaft überbrachte nach dem Stück einen Förderpreis über 1500 Euro von der August-Hinrichs-Stiftung, gedacht für die Jugendförderung. Der ist absolut verdient.