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Premiere in der Villa Stehende Ovationen für Delmenhorster Theaterverein Proszenium

Von Frederik Grabbe | 05.06.2017, 20:26 Uhr

Er weiß, dass er nur Scheitern kann – und wagt trotzdem den Aufstand. Spannenden Stoff lieferte der Delmenhorster Theaterverein Proszenium am vergangenen Wochenende im Familienzentrum Villa.

Wie viel ist uns unsere Freiheit wert? Und wie viel ist uns die Freiheit anderer wert? Mit großen Fragen hat sich am vergangenen Wochenende der Theaterverein Proszenium befasst. An drei Terminen hat er sein neues Stück „Einer flog über das Kuckucksnest“ nach einem Roman von Ken Kesey im Familienzentrum Villa auf die Bühne gebracht.

Schwester Ratchefin herrscht mit eiserner Hand

Der Inhalt: Eines Tages hält Randle McMurphy Einzug in eine Nervenheilanstalt. Er hat sich als geisteskrank ausgewiesen, um den Rest seiner Gefängnisstrafe im vermeintlich ruhigeren Alltag einer Psychiatrie zu verleben. McMurphy ist ein kratzbürstiger Chaot (schön rotzfrech gespielt von Jens Fischer), der das gleichgeschaltete System der Einrichtung auf den Kopf stellt. Herrscht die Stationschefin Schwester Ratched (gnadenlos resolut verkörpert von Ines Paetzhold) vor seinem Eintreffen mit eisenharter Hand über den Alltag der Anstalt, muss sie sich nun mit den Unverschämtheiten McMurphys herumschlagen. Dieser schafft es schnell, andere Patienten gegen sie aufzuwiegeln – und ihnen so auch ein Stück ihres Selbstwerts zurückzugeben. Denn Ratcheds Regime basiert auf Grausamkeit. In Gruppensitzungen nimmt sie Einzelne unter dem Mantel der Fürsorglichkeit immer wieder unter Beschuss. McMurphy erkennt dieses System und lehnt sich auf. Solange, bis er selbst zerbricht.

Am Ende steht die Tragödie

Eine starke Szene ist, als McMurphy versucht, im vollen Bewusstsein seines Scheiterns einen überschweren Waschtisch zu heben, um ihn durchs Fenster zu werfen und so zu fliehen. Die anderen Patienten lachen ihn aus. „Ich habe es wenigstens versucht“, wirft ihnen McMurphy entgegen. Diese Szene wird zur maßgeblichen Metapher des Stücks. Denn es kommt, wie es kommen muss: Am Ende steht die Tragödie. McMurphy weiß, er kann mit seiner Revolution nur verlieren. Trotzdem lässt er sich von Ratcheds Grausamkeit zum Übergriff verleiten, woraufhin er einer Lobotomie unterzogen wird. Sein Aufbegehren bezahlt er mit seinem Leben.

Darsteller erzählt Geschichte des Scheiterns verdammt gut

Ist er also gescheitert? Nein. Sein Mut verleitet den Patienten Häuptling Bromden zur Flucht – mit dem Waschtisch, der zuvor noch ein Symbol des Scheiterns war. Der Geist des Aufstands lebt weiter. Diese Geschichte vermittelte der Verein vergangenes Wochenende verdammt gut. So gut, dass es am Premierenabend – verdientermaßen – stehende Ovationen gab.