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Protestzug durch Delmenhorster City 350 Wollepark-Bewohner seit heute ohne Wasser

Von Frederik Grabbe | 15.05.2017, 11:07 Uhr

20 der rund 350 von der Wassersperre betroffenen Bewohner des Delmenhorster Wolleparks haben am Montag in der Innenstadt demonstriert. Sie forderten ein Ende der Zwangsmaßnahmen der Stadtwerke. Am Montag haben die Stadtwerke das Wasser abgestellt. Unterdessen warf Stadtwerke-Chef Hans-Ulrich Salmen der verantwortlichen Hausverwaltung Täuschung vor.

 Wie schon Anfang April sitzen rund 350 Menschen auf dem Trockenen: Die Delmenhorster Stadtwerkegruppe hat am Montag gegen 8.30 Uhr den Bewohnern der zwei Wohnblöcke Am Wollepark 11 und 12 das fließende Wasser abgestellt. Zur Notversorgung mit Trinkwasser wurden zwei Zapfstellen mit je sechs Wasserhähnen aufgestellt. Schon am 27. April ist den beiden Blöcken auch das Gas abgedreht worden. Auf die beiden Maßnahmen reagierten rund 20 der Bewohner mit einem Demonstrationsmarsch durch die Innenstadt.

„Vermieter kassieren, wir müssen frieren“

„Vermieter kassieren, wir müssen frieren“, „Bitte helft uns“, „Eigentum verpflichtet“ – mit solchen und anderen Sprüchen auf ihren Protestplakaten verliehen die Demonstranten ihrer Verzweiflung Ausdruck. Sie zogen am Vormittag vom ZOB vor das Delmenhorster Rathaus und vor den Sitz der Stadtwerke an der Fischstraße. „Wir haben seit zwei Wochen keine Heizung und kein Warmwasser. Jetzt noch die Wassersperre. Wie sollen wir kochen, putzen oder auf die Toilette gehen?“, fragte der Demonstrant Blazho Borisov. „Ich habe sechs Kinder. Nach der Schule spielen sie und wollen sich duschen. Wir wohnen im 5. Stock. Wie sollen wir so viel Wasser tragen?“ Borisov rief die Delmenhorster Bevölkerung zur Hilfe auf.

„Wie kann das angehen? Wir leben in einem Rechtsstaat.“

Dass nur wenige der betroffenen Wollepark-Bewohner sich bei der Demo zeigten, führte die Ganderkeseerin Heike von Knorre, die sich privat für die Bewohner engagiert, auf deren Angst vor den Vermietern zurück. Von Knorre sprach von einigen Mietern, denen aufgrund von Mietminderungen gekündigt worden sei. „Das ist natürlich nicht rechtswirksam. Aber für die Bewohner dennoch ein Schock.“ Zur Wasser- und Gassperre sagte sie: „Wie kann das angehen? Wir leben in einem Rechtsstaat. Trinkwasser ist ein Grundrecht.“ Von Knorre forderte die Stadtwerkegruppe auf, den Rechtsweg zu gehen, um ausstehende Kosten von der Hausverwaltung der Eigentümergemeinschaft einzutreiben und die Gas- und Wassersperre aufzuheben. „Was die Stadtwerke machen, trifft nicht die Vermieter, sondern die Mieter.“ Durch eine öffentlichkeitswirksame Demonstration erhoffe sie sich, dass die Menschen in der Region erkennen, dass die betroffenen Wollepark-Bewohner als normale Familien mit Kindern erkannt werden. Über diese Zapfstelle vor den Blöcken kommen die Bewohner noch an Trinkwasser. Foto: Frederik Grabbe

Dass die Demo durchaus Wirkung hatte, zeigte beispielhaft die Reaktion von Siegrid Eick und Rüdiger Schröder: „Was hier vor sich geht, ist blamabel für die Stadt. Man müsste den Oberbürgermeister einsperren“, sagte Schröder. Und Eick weiter: „Klar, die Vermieter sind schuld. Die muss man zur Verantwortung ziehen. Warum ist das nicht passiert?“

 (Weiterlesen: Stadt stoppt Zahlungen an Wollepark-Vermieter) 

„Ich finde einfach keine Wohnung“

Wie schwer es für einzelne Bewohner ist, eine andere Wohnung zu finden, zeigte das Beispiel des Kurden Halil Dur. Am Morgen sprach der 62-Jährige vor den Wohnblöcken 11-12 Passanten darauf an, ob sie wüssten, wo er eine Wohnung für eine Person bekommen könne. „Ich finde einfach keine Wohnung“, übersetzte Durs Sohn Ekrem. Er selbst habe 13 Jahre lang im betroffenen Bereich gelebt. „Einen Vermieter habe ich nie gesehen. Auch als wir uns wegen Schimmel in der Wohnung beschwert haben. Er meldete sich erst, als wir drei Monate keine Miete mehr gezahlt haben.“

 (Weiterlesen: Abriss im Delmenhorster Wollepark hat begonnen) 

Stadt hat Teilbetrag gepfändet

Unterdessen äußerte Stadtwerke-Chef Hans-Ulrich Salmen Verständnis für die Demonstranten vor der eigenen Tür. „Wir wollen ja auch, dass die Menschen wieder Wasser bekommen. Aber bei den Beträgen, um die es geht, müssen wir auf die Zahlung der offenen Posten pochen.“ Salmen verwies zudem auf die eingerichtete Trinkwasser-Notversorgung. Auch zur Lage der ausstehenden Beträge äußerte sich Salmen nochmals: Anfangs hieß es, dass rund 200.000 Euro an offenen Rechnungen bestünden. Den Stadtwerken fehle derzeit nun ein Betrag von 130.000 Euro, der für Gas- und Wasserrechnungen nicht gezahlt wurde. 80.000 Euro hingegen seien durch Schmutzwassergebühren fällig gewesen. Dieser Betrag sei vom städtischen Tochterunternehmen an die Stadt abgetreten worden. Die Stadt habe die 80.000 Euro mittlerweile von den Konten der Eigentümer gepfändet, da die Vermieter „gesamtschuldnerisch haftbar“ seien, sagte Salmen. Auf eine Anfrage hierzu hat die Stadt bislang noch nicht geantwortet.

 (Weiterlesen: Radio-Diskussion zum Gas- und Wasserstopp im Wollepark) 

Stadtwerke-Chef wirft Verwalter Täuschung vor

Salmen teilte mit, dass die Gas- und Wasser-Versorgerverträge zwischen Stadtwerke und Hausverwaltung mittlerweile gekündigt worden sind. Der für Gas zu Ende April, der für Wasser am 15. Mai. „Erst wenn die offenen Positionen beglichen wurden, würden wir eine Versorgung anbieten“, erneuerte Salmen die Forderung der Stadtwerke. Die Verträge müssten dann neu ausgehandelt werden. Salmen warf dem Chef der verantwortlichen Huchtinger Immobilienverwaltung, Mehmet Erdem, „Lügerei und Trickserei“ vor: Laut Stadtwerke-Chef hatte Erdem vor Gericht eine eidesstattliche Erklärung abgegeben, die ausstehende Summe bis 15. April bezahlen zu wollen. Dies sei nicht erfolgt. Auch die Annahme der per Einschreiben versendeten Schlussrechnung hat Erdem verweigert, so Salmen. „Herr Erdem ist abgetaucht, er entzieht sich seiner Verantwortung.“ Für unsere Zeitung war Erdem bislang nicht zu erreichen.

Auf die Frage, warum Mieter Nebenkosten nicht direkt an die Stadtwerke überweisen, antwortete Salmen, dass es zwei Möglichkeiten gebe: Erstens müsste die Zahlung der Nebenkosten insgesamt für beide Wohnblöcke per Notarvertrag fixiert werden; Zweitens müssten alle Mieter mit den Stadtwerken Einzelverträge für Gas- und Wasserlieferungen unterzeichnen. „Dies ginge aber nur, wenn es einzelne Zähler für jede Wohnung gäbe. Zudem müsste den Stadtwerken die Wassersteigleitung gehören.“ Allerdings sei die Installation von Einzelzählern hier aus technischen Gründen nicht möglich.