Ein Angebot der NOZ
Ein Artikel der Redaktion

Prozess um getötete Obdachlose Opfer war Mutter von sechs Kindern

Von Ole Rosenbohm | 24.12.2018, 13:15 Uhr

Die am Winterweg in Delmenhorst getötete Obdachlose war Mutter von sechs Kindern. Angeklagt ist ihr ehemaliger Lebensgefährte, nun hat ihre Tochter ausgesagt und einen Einblick in das Leben ihrer Mutter gegeben.

Auch am dritten Prozesstag um den Totschlag der am Winterweg in Delmenhorst lebenden polnischen Obdachlosen hat sich der Angeklagte noch nicht geäußert. Beobachter hatten eine Einlassung des 30-Jährigen für möglich gehalten, nachdem ihn am zweiten Tag ein ebenfalls der Szene zugehöriger Zeuge stark belastet hatte. Der Angeklagte habe ihm selber erzählt, dass er seine 51-jährige Lebensgefährtin Anfang November 2017 am alten Güterbahnhof am Winterweg erschlagen hatte. Eine auch vom Vorsitzenden Richter für glaubhaft gehaltene Aussage.

Mandant bestreitet Tat weiterhin

Doch auch Donnerstag, als vier weitere, dem Milieu zuzurechnende Zeugen vor dem Schwurgericht auftraten, blieb der 30-Jährige still und beharrlich: „Mein Mandant bestreitet nach wie vor ganz energisch, seine Lebensgefährtin umgebracht zu haben“, sagt sein Anwalt Axel Heinken.

Möglicherweise weiterer Verdächtiger

Am Prozesstag konnte den Verdacht nicht weiter erhärtet werden. Stattdessen geriet ein Zeuge in den Fokus, der rumerzählt haben soll, er sei mit dem Paar am Abend der Tat zusammen gewesen. Stimmt das, würde er möglicherweise zum Kreis der Verdächtigen gehören. Auch für Oberstaatsanwalt Thomas Sander, der den Zeugen so direkt fragte, wie es nur geht: „Haben Sie sie umgebracht?“ Antwort: Nein, er sei nicht in Delmenhorst gewesen. Ob die Polizei zu diesem Mann ermittelte, wird der Ermittlungsführer aussagen können, der am 10. Januar geladen ist.

Eins von sechs Kindern sagt aus

Auch das Leben der mit 80 Schlägen mit Hammer und Brett getöteten Frau war schon Thema im Prozess. Ein bitteres Leben. Die immer mehr dem Alkohol verfallene Frau war Mutter von sechs Kindern. Alle landeten im Kinderheim – ausgerechnet im selben, in dem auch der Angeklagte aufwuchs. Das berichtete die mittlerweile auch in Deutschland aber in bürgerlichen Verhältnissen lebende 33 Jahre alte Tochter dem Gericht.

Erschütternd arme Verhältnisse

In Polen hätten Opfer und Angeklagter im ehemaligen Haus der Ur-Großeltern der Zeugin in so ärmlichen Verhältnissen gelebt, dass sie im Winter die Deckenverkleidung verfeuern mussten.

Angeklagter schon früher gewalttätig

Eine Tochter sah ihre Mutter in der Stadt beim Betteln. Jährliche Besuche der Kinder endeten im Streit – auch weil der Angeklagte da war. „Wir wollten, dass sie sich von ihm trennt.“ Einmal habe er sie so geschlagen, dass sie ins Krankenhaus musste. In Polen würde er von der Polizei gesucht werden. 2015 gingen sie nach Delmenhorst. 2017 hatten sie wieder Kontakt. Gesehen haben sie sich nicht mehr.