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Prozess um Messerstecherei Unglaubwürdige Zeugen helfen Delmenhorster aus U-Haft

Von Ole Rosenbohm | 18.10.2018, 17:25 Uhr

Donnerstagmorgen noch drohte einem 20-jährigen Delmenhorster aus Syrien eine jahrelange Freiheitsstrafe wegen versuchtem Totschlag. Doch dann wendete sich das Blatt.

Donnerstagmorgen noch drohte einem 20-jährigen Delmenhorster aus Syrien eine jahrelange Freiheitsstrafe wegen versuchtem Totschlag, am Ende des ersten Prozesstages am Oldenburger Landgericht aber wurde die vier Monate andauernde Untersuchungshaft durch das Gericht beendet. Stand jetzt geht es nur noch von einer gefährlichen Körperverletzung aus – Tendenz wohl Bewährungsstrafe.

Handfeste Auseinandersetzung

Die Tat, bei dem ein 18-jähriger Afghane aus Delmenhorst mit einem Messer durch den Angeklagten an der Schulter verletzt wurde, ereignete sich am 12. März. An der Bahnhofsstraße in Höhe des Tattoo-Studios geriet der Angeklagte gegen Mittag mit dem 18-Jährigen in eine handfeste Auseinandersetzung wegen fünf nicht zurückgezahlten Euro. Nach den Beleidigungen flogen Fäuste, das Hemd des Angeklagten riss wie seine Halskette. Als er auf dem Boden lag, zückte er ein Messer, stach zu, traf das Opfer. Anschließend soll er ihn verfolgt und nahe des Dönerladens an der Busstation erneut versucht haben, zuzustechen.

Der Angeklagte gab vor Gericht den Sachverhalt in großen Teilen zu. Nur: Am Dönerladen will er nicht mehr zugestochen haben. Auch hätte er keine Tötungsabsicht besessen. Das Messer habe er aus Angst benutzt.

Vielmehr noch als seine Einlassung half ihm wohl das Aussageverhalten der Zeugen. Denn alle drei einstigen Hauptbelastungszeugen erwiesen sich als so unglaubwürdig, dass die Staatsanwaltschaft Anklagen wegen Falschaussagen prüfen will.

Auf der Suche nach der Wahrheit

Etwa das Opfer: Als der kurz nach der Tat noch richtig sauer war, versuchte er den Angeklagten bei der Polizei mal schwer zu belasten. Der Täter habe ein Springmesser mit 15-Zentimeter-Klinge benutzt und mehrfach versucht zuzustechen, hatte er ausgesagt.

Doch wenig später vertrugen sich beide. Er habe nun kein Interesse mehr an einer Strafverfolgung, sagte der Zeuge und schilderte den Hergang neu: Vom Messer war keine Rede mehr, nur noch von einer Scherbe. Der Richter hakte mehrfach nach, sogar beim Angeklagten: „Nein, ich habe ein Messer benutzt“, sagte der. Der Zeuge indes wollte gar schwören. Auf Gott. „Lassen Sie den lieber aus dem Spiel“, riet der Richter. „Der muss genug aushalten.“

Auch die beiden anderen Zeugen, 17 und 18 Jahre, wollten entweder – ganz im Gegensatz zu ihren Aussagen bei der Polizei – nichts gesehen haben oder sprachen von der Scherbe. Alle gerieten ins Schlingern: „Ich weiß jetzt nicht, was ich sagen soll“, stotterte einer – „die Wahrheit“ riefen Richter und Anwalt im Chor.

Am Freitag, 19. Oktober, wird der Prozess fortgesetzt. Vielleicht kann dann auch das nach der Tat sichergestellte Messer, ein kleines Klappmesser, präsentiert werden. In den Akten fand sich zunächst nicht mal ein Foto davon.