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Prüfungen in Delmenhorst Wenn Kinder Opfer von Misshandlungen werden

Von Frederik Grabbe | 03.01.2019, 20:27 Uhr

Die Zahl der Verfahren wegen Kindeswohlgefährdung in Delmenhorst ist noch immer vergleichsweise hoch. Laut einer Statistik des Landes nimmt Delmenhorst niedersachsenweit einen Platz der Spitzengruppe ein. Der Allgemeine Soziale Dienst der Stadt wertet das aber als positives Zeichen.

Die Zahl der Verfahren zur Kindeswohlgefährdung in der Stadt Delmenhorst ist in den vergangenen Jahren konstant hoch geblieben. 2018 sind insgesamt 205 Fälle (Stand: November) vom Allgemeinen Sozialen Dienst der Stadt Delmenhorst festgestellt worden. Das teilt die Verwaltung auf Nachfrage dieser Zeitung mit. Die Zahl liegt auf dem Niveau der Vorjahre. Von 2015 auf 2016 gab es aber einen ziemlich massiven Sprung nach oben: von 97 auf 213 Fälle – eine Steigerung von 120 Prozent.

Delmenhorst landesweit auf Platz drei

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Gefährdungseinschätzungen zum Kindeswohl werden immer dann von den Behörden vorgenommen, wenn der Verdacht besteht, dass ein Kind körperlich oder seelisch vernachlässigt beziehungsweise misshandelt worden oder Opfer sexueller Gewalt geworden ist, teilt der Allgemeine Soziale Dienst mit. Zieht man die Landesstatistik hinzu, wird deutlich, dass Delmenhorst niedersachsenweit in Bezug auf diese Prüfungen einen Spitzenplatz belegt: So zählte das statistische Landesamt 2017 insgesamt 204 Verfahren zur Kindeswohlgefährdung. Damit nimmt Delmenhorst mit 26 Fällen pro 10.000 Einwohnern landesweit Platz drei hinter der Stadt Oldenburg (32) und dem Landkreis Osterholz (27) ein. Die anliegenden Landkreise Oldenburg (9) und Wesermarsch (12) sind im Mittelfeld vertreten.

Die große Mehrheit der 204 Verfahren betraf 2017 in Delmenhorst Stadtangaben zufolge Kinder bis sechs Jahren (82). Am häufigsten wurden Vernachlässigungen (42) festgestellt, es folgen körperliche (34) und psychische (26) Misshandlungen sowie Fälle von sexueller Gewalt (6). Mitunter sind Familien mehrfach auffällig geworden.

Verfahren bedeutet nicht zwangsweise eine Gefährdung

Ob das Kindeswohl tatsächlich auch gefährdet ist, darüber trifft eine solche Prüfung nicht immer eine Aussage: In 47 Fällen gab es in Delmenhorst keine Hinweise auf Gefährdung, in weiteren 73 Fällen wurde dennoch Unterstützungsbedarf in der Familie des Kindes festgestellt. 59 Mal wurde eine sogenannte latente Kindeswohlgefährdung erkannt, eine Gefährdung könne also nicht ausgeschlossen werden.

Hilfe für Familien

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„Unterstützung kann etwa durch die Erziehungsberatungsstelle geleistet werden, wenn zum Beispiel Eltern während der Scheidung mit der Pubertät des Kindes überfordert sind“, sagt der städtische Fachdienstleister Olaf Meyer-Helfers. Schwerer hingegen wiegen schon Probleme in Familien, die mehrfach wöchentlich Besuch von Sozialpädagogen erhielten, die etwa in Sachen Haushaltsführung oder Erziehung beraten. Meyer-Helfers spricht von „Strukturkrisen“ in den Familien, zum Beispiel durch materielle Not. In schwersten Fällen sieht die Sozialgesetzgebung aber auch die Trennung der Kinder von ihren Familien vor, etwa durch die Heimunterbringung.

Fachdienstleiter: Hohe Zahl an Verfahren ist Zeichen von gutem Meldeverhalten

Nun ist die Fallzahl an Kindeswohlprüfungen in Delmenhorst niedersachsenweit vergleichsweise hoch. Den enormen Anstieg 2015/2016 begründet Meyer-Helfers mit der gezielten Information der Stadt in Kitas und Schulen darüber, wie die Lage von gefährdeten Kindern vom Allgemeinen Sozialen Dienst verbessert werden kann. Öffentlichkeit und Institutionen seien sensibilisiert. „Dieses aktive Meldeverhalten“, sagt Meyer-Helfers, „ist darum positiv zu sehen.“ Und dieses Meldeverhalten unterscheide Delmenhorst durchaus von anderen Städten: Der Blick des Fachdienstleiters geht auf die Stadt Osnabrück. Drei Verfahren wegen Kindeswohlgefährdung auf 10.000 Einwohner registrierte die Landesstatistik 2017 dort. Im Vergleich zu Oldenburg oder Delmenhorst sei das extrem wenig.