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Quempassingen in Delmenhorst „Hier darf jeder ran, Hauptsache laut“

Von Frederik Grabbe | 02.12.2018, 17:05 Uhr

Wenn Chöre wie Zuschauer gemeinsam Adventslieder in den Kirchenraum schmettern, dann muss wieder Quempassingen sein. Seit fast 40 Jahren wird diese Vorweihnachtstradition gepflegt. Und wenn nicht jede Note sitzt, ist das gar nicht so schlimm.

Für viele Delmenhorster fängt die Vorweihnachtszeit eigentlich erst mit dem Quempassingen an. Seit fast vier Jahrzehnten ist das Singen, bei dem sich Chöre und Zuschauer gerne abwechseln, ein fester Termin im Kalender. An zwei Terminen an diesem Wochenende in der Luther- und Allerheiligen-Kirche war es wieder soweit. Und für viele ist nun gewiss: Der Advent ist da.

Gotteshaus ist voll besetzt

Wie beliebt das Quempassingen in dieser Stadt ist, ist am besten an den voll besetzten Rängen zu sehen: Beim Auftakt in der Stickgraser Lutherkirche am Samstag zum Beispiel war die Hütte voll. So voll, dass die Hausherren noch einige Stuhlreihen bereitstellen mussten und dann immer noch einige Zuschauer standen. Warum das Singen so beliebt ist, erschloss sich recht schnell: „Ich freue mich jedes Jahr auf das Singen“, sagte der Leiter der Städtischen Musikschule, Michael Müller, „und vor allem auf ganz viel Gesang von Ihnen“ – womit er die Zuschauer meinte.

„Hier darf jeder ran. Hauptsache laut“

Und die waren aufgerufen, zusammen mit dem Kinderchor der Wilhelm-Niermann-Schule (Leitung: Birgit Süßmuth), dem Kinder-Singkreis (Florian Maser), dem Dunkel-Kammer-Chor (Meike Dunkel) und dem Musiktheater Ensemble der Musikschule (Michael Müller) ihre Sangeskraft auszuprobieren. Bei den Konzerten kamen auch die Instrumentalisten Sabine Wottke-Pries (Orgel, Lutherkirche), Wolfgang Bierek (Orgel, Allerheiligen) und das Querflötenensemble der Musikschule zum Einsatz. „Stören Sie sich nicht an den Tönen des Nebenmannes, der meint es nicht so“, spielte Müller scherzhaft darauf an, falls die Noten bei den ungeübten Sängern nicht gleich saßen. „Hier darf jeder ran. Hauptsache laut, egal ob falsch oder richtig.“

Musikschulchef heizt motivierend ein

Das erste Lied aus der Feder von César Franck befasste sich dann auch, na klar, mit dem Advent. „Advent, Advent, die erste Kerze brennt“, sang Müller vor, „Sie können sich ausrechnen, wie viele Strophen das Lied hat“. Und damit der Lautstärkepegel aus den Zuschauerreihen auch stimmte, heizte der Musikschulleiter öfters mal motivierend ein. Zum Beispiel mit Sätzen wie diesem: „Es ist nicht leicht, ich weiß, aber Sie kriegen es leichter hin, wenn sie es brüllen.“

Ein Schwerstarbeiter der Leichtigkeit

In der Regel sangen die Chöre erst einmal vor, bis es für die Zuschauer ans Eingemachte ging. Und es brauchte nicht lange, bis der erste Gänsehautmoment erreicht war: Spätestens beim Kanon, das zweite gemeinsam gesungene Lied, kribbelte es im Nacken. Und es war schon erstaunlich, wie leicht es funktionierte, verschiedene Sangesgruppen zusammen mit den Ungeübten in den Sitzreihen so schnell zu einer homogenen Gesangsmasse zu formen. Diese Leichtigkeit sicherte Musikschulchef Müller als Schwerstarbeiter ab: Müller agierte mit vollem Körpereinsatz und schmiss mit seinen Armen und Händen den Chören und Zuschauern ihre Einsätze zu, als käme er vom Handball. Er moderierte munter wie gestenreich und führte locker flockig durchs Programm.

Und am Ende mag er sogar das Ziel erreicht haben, den männlichen Teil im Zuschauerraum zum Singen zu animieren. Und das will was heißen. Denn wie schwer das ist, hatte Müller erst im Laufe der Woche im dk-Interview geschildert.