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Rat überprüft Entscheidung Wende bei Geburtstagsbesuchen der Stadt Delmenhorst

Von Yannick Richter, Yannick Richter | 19.02.2016, 17:27 Uhr

Bei den eingeschränkten Geburtstagsbesuchen der Stadt Delmenhorst deutet sich Wende an. Auf dk-Nachfrage bestätigen Stadtverwaltung und Ratsfraktionen, die Veränderungen noch einmal zu überprüfen.

Nachdem offengelegt wurde, dass die Stadt seit Jahresbeginn die Geburtstagsbesuche von 96-Jährigen bis 99-Jährigen einschränkt, melden sich Stadtverwaltung und Fraktionsvorsitzende zu Wort und sprechen sich einvernehmlich dafür aus, die eingeleiteten Veränderungen zu überprüfen, um nach geeigneten Alternativen zu suchen.

Verwaltung zeigt sich gesprächsbereit

„Wir sprechen hier über eine freiwillige Leistung der Stadt. Selbstverständlich können Entscheidungen immer wieder überdacht werden. In diesem Fall erfolgte die Abstimmung gemeinsam mit der Politik – insofern sollte auch eine erneute Änderung mit den Fraktionen abgestimmt werden. Wir sind gern bereit, die Fraktionen noch einmal anzusprechen“, erklärt Timo Frers, Pressesprecher der Stadt. (Weiterlesen: Stadt Delmenhorst spart bei Geburtstagsgrüßen)

Politik für alternative Lösungen offen

„Es ist immer schwieriger geworden, die vielen Besuche, die größtenteils am Vormittag geleistet werden, wahrzunehmen“, sagt SPD-Fraktionsvorsitzende Andrea Meyer-Garbe. Deshalb habe man sich wie die anderen Ratsmitglieder dafür ausgesprochen, eine Veränderung herbeizuführen. Kristof Ogonovski, Fraktionsvorsitzender der CDU, kommt zu einem ähnlichen Fazit: „Der zunehmende Bedarf kann nicht abgedeckt werden. Gleichwohl kann ich den Unmut verstehen. Deshalb sind wir auch weiterhin gesprächsbereit und für eine alternative Lösung offen.“ (Weiterlesen: Vortrag zur Demografie am HWK in Delmenhorst)

Soziale Geste muss beibehalten werden

Deutlicher wird Murat Kalmis, FDP-Fraktionsvorsitzender, der die Veränderungen als „schlechtes Signal und fehlende Wertschätzung“ empfindet. „Das sollten wir noch einmal genau schauen, ob man nicht eventuell doch eher an anderen Schrauben drehen kann“, so Kalmis. Auch für die stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Grünen, Marianne Huismann, ist klar, dass der Thematik nachgegangen werden sollte: „Bei allem Verständnis dafür, dass eine alternde Gesellschaft uns vor neue Herausforderungen und Kosten stellt, aber diese soziale Geste muss beibehalten werden.“ Sascha Voigt als Fraktionsvorsitzender der UAD zeigt sich ebenfalls offen für neue Gespräche: „In der Form wie bisher konnte es von Ehrenamtlichen nicht mehr bewerkstelligt werden. Man kann sich aber sicherlich noch einmal zusammensetzen, um gemeinsam an einem Kompromiss zu arbeiten. Wir sollten allerdings ein ewiges Hin und Her vermeiden.“ Voigts Fraktionskollege Peter Stemmler bittet die Ratspolitiker in einem Schreiben, die Entscheidung zu überdenken. „Lasst uns das in einem politischen Ausschuss oder im Stadtrat debattieren. Die betagten Senioren in unserer Stadt haben es nicht verdient, dass man sie aus Kosten oder anderen Gründen ‚vergisst‘“, fordert der Ratsherr. (Weiterlesen: Malteser bringen Senioren in Delmenhorst zusammen)

Besuche wegen Zeitmangels nicht mehr zu leisten

Die größte Problematik für Verwaltung und Politik besteht darin, die vielen Besuche der Geburtstags- und Ehejubilare – die auf Wunsch meistens vormittags sind – zu leisten. Knapp 900 Besuche haben im Vorjahr stattgefunden, 2014 sogar über Tausend. Und nicht jeder kann einfach so einen Besuch übernehmen. „Voraussetzung ist, dass man ein Vertreter der Stadt Delmenhorst, zum Beispiel Ratsmitglied oder Mitarbeiter, ist“, stellt Frers klar. Aufgrund von Berufstätigkeit können die Ratsmitglieder die Vielzahl von Terminen nicht abdecken, ergänzt der Pressesprecher der Stadt.

Seniorenbeirat übt Kritik

Ulf Kors, stellvertretender Vorsitzende des Seniorenbeirates der Stadt, findet die Entscheidung „beschämend“. Der Besuch sei eine Anerkennung, über die sich viele Ältere freuen und als Wertschätzung für ihre geleistete Arbeit ansähen. Deshalb fordert er, dass die Stadt die bisherige Form der Geburtstagsgrüße beibehalte.

Kreis der Ehrenamtlichen soll erweitert werden

Christian Marbach, selbst Ratsmitglied im Gemeinderat Ganderkesee, stellt sich deshalb auch schützend vor den Delmenhorster Stadtrat. Die Besuche in Ganderkesee könnten nur deshalb erfolgen, da der Gemeinderat eine hohe Anzahl an Rentnern und Freiberuflern habe. In Delmenhorst sei der Rat der Stadt – bei mehr als doppelt so vielen Jubilaren – deutlich „jünger und berufstätiger“. „Vorwürfe gegenüber Verwaltung und Rat sind insofern nicht angebracht“, fährt der Politiker fort. Als Lösung würde er deshalb vorschlagen, dass die Verwaltung den Kreis der Ratsmitglieder um ausgewählte engagierte Bürger, die den Jubilaren persönlich und offiziell im Rahmen der Stadt gratulieren, erweitere.