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Realschüler polieren Stolpersteine Gedenken an Nazi-Gräuel in Delmenhorst aufgefrischt

Von Marco Julius | 06.11.2018, 13:38 Uhr

Die kleinen Gedenktafeln aus Messing, die an das Schicksal von NS-Opfern erinnern, sind von Realschülern geputzt worden. Dabei lernten die Schüler, warum das Erinnern so wichtig ist.

Flucht, Deportation, Tod im Getto von Minsk: Die Realschüler der Klasse 8a der Lilienstraße hören ganz aufmerksam zu, als Dr. Norbert Boese vom Freundes- und Förderkreises der Jüdischen Gemeinde Delmenhorst mit eindringlichen Worten das Schicksal der jüdischen Familie Rothschild beschreibt. Die Familie hat einst in dem Haus gelebt, vor dem die Schüler nun stehen – an der Langen Straße 78. Bis der Druck der Nazi-Diktatur immer größer wurde. Vater Harry Rothschild, ein Arzt, konnte 1939 nach Kuba fliehen. Seinen Töchtern Gertrud und Edith sowie seinem Sohn Edmund gelang ebenfalls noch die Flucht, Edmund und Gertrud schafften es in die USA, Edith überlebte die Nazi-Zeit auf Kuba. Mathilde Rothschild, geborene Rosenbaum, die Frau Harrys und Mutter der drei Kinder, die zunächst noch die Familienangelegenheiten in Delmenhorst regeln sollte, wurde im Alter von 56 Jahren 1941 von den Nazis nach Minsk deportiert und im dortigen Getto umgebracht.

Für bunte Vielfalt, gegen das Vergessen

An die Familie Rothschild erinnern fünf Stolpersteine. Insgesamt gibt es in Delmenhorst an elf Standorten 37 Stolpersteine, kleine Gedenktafeln aus Messing, die vom Kölner Künstler Gunter Demnig in den Bürgersteig eingelassen wurden. Bundesweit gibt es diese symbolischen Stolpersteine, verlegt jeweils vor dem letzten bekannten Wohnsitz der vorwiegend jüdischen Opfer, als Mahnung. „Wir müssen und wir wollen uns erinnern. Wir dürfen nicht vergessen. Wir stehen für die bunte Vielfalt“, sagt Boese fast auf den Tag genau 80 Jahren nach der Reichsprogrammnacht, als auch in Delmenhorst die Synagoge in Brand gesteckt wurde.

Erinnerung wach halten

Das Schicksal der Menschen, die Opfer der Nazis wurden, soll in Erinnerung gehalten werden. Dass dazu auch die Schüler beitragen, freut Boese ganz besonders. Zum dritten Mal sind jetzt Schüler auf seine Einladung hin dabei und putzen die Stolpersteine mit Politur, damit sie wieder mehr ins Auge fallen. Die Achtklässler legen auch Rosen nieder. Über die Nazi-Zeit haben sie schon ein wenig gelernt. Die Stolpersteine sind ihnen bislang aber noch nicht im Stadtbild aufgefallen. Das ist jetzt anders. Klassenlehrerin Antje Warnken sagt: „Für die Schüler ist es wichtig, dass sie merken, dass das Thema nicht nur in Geschichtsbüchern steht. Es ist nicht weit weg, sondern direkt vor der eigenen Haustür passiert.“ Und Themen wie Flucht seien noch immer hoch aktuell. Boese will sich weiterhin für das Erinnern einsetzen. Der Vorschlag, in der Stadt eine Straße nach Mathilde Rothschild zu benennen, sei leider noch nicht umgesetzt.