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Reihe „Rund ums Museum“ startet Neue Führung gibt familiäre Einblicke in Nordwolle-Leben

Von Sonia Voigt | 28.05.2017, 10:37 Uhr

Von Tor zu Tor rund um das Areal der Norddeutschen Woll- und Kammgarnindustrie hat deren früherer Mitarbeiter Rudolf Schewe Geschichtsinteressierte geführt. Mit historischen Fotos und Anekdoten versetzte er sie ein Jahrhundert zurück.

Mit dem staunenden Blick des Arbeiterkindes, das in der Direktorenvilla zum ersten Mal eine elektrische Eisenbahn sah, und späteren Eindrücken aus seinem Berufsleben auf der Nordwolle hat Rudolf Schewe am Samstag die Teilnehmer der ersten Führung der Reihe „Rund ums Museum“ in vergangene Zeiten entführt. Bei sommerlicher Hitze hatten sich zwar weniger als die sonst im Schnitt 10 bis 30 Geschichtsinteressierten pro Führung eingefunden. Dafür bot ihnen der Nordwolle-Fachmann sehr persönliche Einblicke, inklusive schwarz-weißer Familienfotos, die ihn als Schuljungen vor den damals noch jüngeren Baudenkmälern zeigen.

Laster fuhren Wollfett durchs Tor in die chemische Abteilung

Das Hauptaugenmerk legte Schewe, der im Auftrag des Nordwestdeutschen Museums für Industriekultur unterwegs war, auf die Tore entlang des ehemaligen Werkzauns, der „Planke“. Das erste führte an der heutigen Straße „Am Pförtnerhaus“ in die chemische Abteilung der Wolle. „Auf der einen Seite lief das Bahngleis in Richtung Seifenfabrik hindurch, daneben fuhren die Laster durch, die das Wollfett brachten“, erläuterte Schewe. Bei den über ein Jahrhundert alten Häusern „An der Wolle“ stellte er die Villa heraus, die der Direktor der chemischen Abteilung mit Familie und Personal bewohnte. Als Arbeiterkind von der anderen Straßenseite durfte er dort hin und wieder fein herausgeputzt zu Besuch kommen.

Von der Hexenbrücke in den Dampflok-Schlot gespuckt

Wenn er nicht gerade mit seiner Zwille auf den Widder auf dem Nordtor zielte, das den Arbeitern von den ab 1910 errichteten Häusern an der Pappelstraße aus Zugang zum Gelände der Norddeutschen Woll- und Kammgarnindustrie gewährte. Oder von der Hexenbrücke aus versuchte, in den Schornstein einer Dampflok zu spucken, deren Lokführer ihn daraufhin mit Kohlenstaub einnebelte. DieHexenbrücke? Heute gibt es diese Fußgängerbrücke nicht mehr, aber bis in die 1970er Jahre erlaubte sie den Nordwolle-Arbeitern den Weg von der heutigen Nordwollestraße aus unter dem Bahndamm hindurch und über das Gütergleis in Richtung Stadthof- und Efeustraße. Woher ihr Name stammt hat Schewe allerdings bislang nicht herausgefunden.

Zwischen Arbeiter-Enklave und Herrenheim

Einmal rund um das einen Quadratkilometer große Areal leitete der Zeitzeuge, der 1955 als Maschinenöler auf der Nordwolle begann und 1981 die Schließung als Meister miterlebte, seine Zuhörer. Mit historischen Fotos zeigte er, in welchem der 1885 erbauten Meisterhäuser an der Nordwollestraße Kindergarten und „Konsum“-Laden untergebracht waren, wo einfache Arbeiter in der „Enklave“ recht primitiv hausten und wo die kaufmännischen Lehrlinge aus besseren Verhältnissen im Herrenheim standesgemäß residierten. Dabei bot Schewe selbst Geschichtsbewanderten wie Angelika Cromme, die selbst einen „begeisterten Wolleaner“ in der Familie hatte, noch neue Eindrücke.