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Schließung vor 20 Jahren Jutespinnerei war älteste Fabrik in Delmenhorst

Von Dirk Hamm | 08.07.2017, 11:12 Uhr

Als erste große Fabrik in Delmenhorst wurde 1870 die Jutespinnerei an der Weberstraße gegründet. Viele der früheren Beschäftigten pflegen noch immer den Kontakt.

Wenn sich zahlreiche frühere Beschäftigte des einstigen Delmenhorster Jute-Werks immer am letzten Freitag im Juni zu einer fröhlichen Stammtischrunde im „Steinhaus“ treffen, dann ist es für Außenstehende nicht automatisch ersichtlich, dass das große „Hallo“ exakt an alter Wirkungsstätte erfolgt. Denn im Backsteingebäude an der Weberstraße, in dem heute Gäste leckere Speisen und Cocktails genießen, befand sich früher die Verwaltung des Unternehmens.

Altem Fabrikgelände noch immer verbunden

Heidi Büch und Andrea Meißner haben Mitte der 80er Jahre genau an diesem Ort ihre Ausbildung als Industriekauffrau absolviert. Das alte Fabrikgelände wird längst anderweitig genutzt, doch der Jute fühlen sich die beiden noch immer verbunden, sie organisieren die jährlichen Wiedersehensfeiern. Und wenn es sich um ein rundes Datum handelt, dann wird etwas Besonderes auf die Beine gestellt, wie etwa vor fünf Jahren eine Fahrt nach Norderney.

Vor dem Stammtisch eine Führung

In diesem Jahr ist es 20 Jahre her, dass die traditionsreiche Fabrik geschlossen wurde. Aus diesem Anlass haben die rund 30 Ehemaligen aus Verwaltung und Produktion, die diesmal teilnahmen, eine geschichtliche Stadtführung unter dem Motto „Von Ketzern, Hexen und Grafen“ mit Gästeführerin Dorte Wedekind unternommen, ehe am Abend der gemütliche Austausch der Erinnerungen im Vordergrund stand.

Zusammenhalt unter den Jute-Mitarbeitern war eng

„Das Klima und der Zusammenhalt waren gut in der Jute“, sagt Heidi Büch. Das Sommerfest auf dem dafür abgesperrten Parkplatz, dazu Kohlfahrten und die Weihnachtsfeier waren fester Bestandteil der Geselligkeitspflege unter den Jute-Mitarbeitern. Dass vor 20 Jahren das Aus für die Fabrik und den seit 1973 angeschlossenen Heimwerkermarkt kam, bedauert Andrea Meißner noch heute: „Es war schade, weil dadurch wieder ein Stück Produktion in Delmenhorst verloren gegangen ist.“ Am 14. Dezember 1996 wurden die Webstühle in der Fabrik stillgelegt, bis März 1997 wurde das Unternehmen endgültig abgewickelt.

Jute Fabrik 1870 gegründet

Gut 125 Jahre zuvor war mit der Errichtung einer Fabrik, in der die vom Teppich bis zum Verpackungsmaterial vielseitig verwendbare Naturfaser Jute verarbeitet wurde, die rasante Industrialisierung an der Delme eingeläutet worden. 1870 als „Vogt, Wex & Co. Hanseatische Jutespinnerei und Weberei“ gegründet, war das Jute-Werk nördlich der wenige Jahre zuvor eröffneten Bahnlinie Bremen-Oldenburg die älteste Fabrik Delmenhorsts.

Schwere Zeiten während der Weltwirtschaftskrise

Die wirtschaftliche Bedeutung für die Stadt ist daran abzulesen, dass in dem Werk noch Mitte der 50er Jahre knapp 900 Menschen in Lohn und Brot standen. Schwere Zeiten hatte es in der Weltwirtschaftskrise – 1931 musste die Produktion für längere Zeit stillgelegt werden, 1932 erfolgte die Übernahme durch die Bremer Jute AG – und durch Bombenschäden im Zweiten Weltkrieg zu überstehen.