Ein Angebot der NOZ
Ein Artikel der Redaktion

„Schöne Aufgabe für Christen“ Delmenhorster Spitzenbeamtin zum Umgang mit Flüchtlingen

Von Thomas Breuer | 24.12.2015, 09:17 Uhr

Flüchtlinge im Stadtbild und in einigen Sporthallen: Pure Last oder eine Herausforderung, der man sich gerne stellt? Für die 43-jährige Petra Gerlach liegt die Antwort auf der Hand.

Petra Gerlach ist eine gefragte Frau, seit Wochen, eigentlich seit Monaten. Bei vielen Gelegenheiten hat sie schon vor Publikum über diejenigen gesprochen, denen sie sich beruflich mit einem großen Teil ihres Zeitbudgets widmet: Menschen aus den Krisenregionen dieser Welt, die in Deutschland und damit auch in Delmenhorst Schutz suchen.

„Meinem aktiven Christsein Ausdruck verleihen“

Sogar im aktuellen Pfarrbrief der katholischen Gemeinde St. Marien ist ein Beitrag von ihr zu finden. Dabei rückt die 43-Jährige das, was sie im Alltag für die Verwaltung nach strikten gesetzlichen Vorgaben bewältigen muss, in ein neues, zusätzliches Licht. „Jetzt habe ich in meiner beruflichen Aufgabe die Gelegenheit“, schreibt sie, „meinem aktiven Christsein Ausdruck zu verleihen.“ Und weiter: „Auch ich kann hier nicht Großes vollbringen. Aber ich spüre jeden Tag aufs Neue, was kleine Gesten der Unterstützung und des Daseins für Menschen bedeuten, die nicht viel mehr haben auf dieser Welt als den Glauben an eine bessere Zukunft.“

Petra Gerlach sagt im Brustton der Überzeugung, dass sie keinen der Tage des ausklingenden Jahres missen möchte. Alle Herausforderungen im Umgang mit den Flüchtlingen hätten sie persönlich wachsen lassen: „Ich sehe mich jeden Tag als Lernende.“ Folglich seien es keine starren Prozesse, die die Verwaltung anwende. Vielmehr entwickle sich das Team aus Hauptberuflichen und Ehrenamtlichen, die sich der Aufgabe stellen, kontinuierlich weiter.

Die Aufgabe ist stetig gewachsen

Wobei die Aufgabe stetig wächst. Anfangs, also seit Mitte Oktober, waren es reguläre Zuweisungen von 50 Menschen pro Woche, auf die sich Delmenhorst einstellen musste. Dann folgte das Amtshilfeersuchen des Landes mit der Aufgabenstellung, mitunter pro Woche 100 weitere Frauen, Männer und Kinder zumindest vorübergehend aufzunehmen und zu registrieren. Zudem ist die Zahl der „regulär“ ankommenden Flüchtlinge auf bis zu 70 pro Woche angewachsen. Wobei Delmenhorst und weitere Kommunen inzwischen durchgesetzt haben, dass sie diejenigen aus der Quote des Amtshilfeersuchens, die dauerhaft hierbleiben wollen und dürfen, auf die reguläre Quote anrechnen dürfen.

Im Pfarrbrief eine Frage gestellt

Petra Gerlach hat in ihrem Beitrag für den Pfarrbrief eine Frage formuliert. Sie lautet: „Gibt es eine schönere Aufgabe für uns Christen, als jetzt beweisen zu dürfen, dass wir unser Christsein ernstnehmen, für unsere Nächsten da sind und ihnen Herberge und ein neues Zuhause bieten?“

Dass es darauf in Delmenhorst ganz unterschiedliche Antworten gibt, weiß die Katholikin. Sie kennt die Bedenken jener, die Angst vor den Fremden haben, und die Sorgen derer, die finanzielle Einbußen für sich selbst befürchten. Die Spitzenbeamtin spricht von zumeist „perfiden Ängsten, die daraus resultieren, dass man es nicht besser weiß“. Zudem erhielten diejenigen, die zur Registrierung nach Delmenhorst kommen und in Sammelunterkünften untergebracht werden, „keinen Cent in den ersten Wochen“. Petra Gerlach stellt klar: „Keiner unserer klassischen Sozialhilfeempfänger wird wegen der Flüchtlinge weniger bekommen“.

„Das Handy ist das Herzstück ihres Lebens“

Wenn über die materielle Ausstattung von Flüchtlingen geredet wird, dann oft auch darüber, dass viele ein Handy bei sich tragen. Und dass sie sich oft schnell nach ihrer Ankunft erkundigen, wie sie an eine deutsche SIM-Karte kommen können. „Natürlich“, sagt Petra Gerlach, „das Handy ist das Herzstück ihres Lebens geworden.“ Viele der Zuwanderer hätten es während der gesamten Flucht bei sich getragen, um Kontakte aufrechtzuerhalten.

Außerdem, gibt die Fachbereichsleiterin zu bedenken, kämen nicht alle Flüchtlinge aus ärmlichen Verhältnissen vom Lande. „Wir haben auch viele Menschen aus Großstädten.“. Für diese sei es auch gewöhnungsbedürftig, jetzt in kleineren Städten oder auf dem Lande untergekommen zu sein, zumal sie damit, wie in ihren Heimatländern gegeben, oft einen geringeren Wohlstand verbinden würden. „Wenn die Menschen hier heimisch werden sollen, müssen wir Angebote machen.“

Ein Vergleich mit dem eigenen Leben

Petra Gerlach vergleicht die Schicksale derer, die ihr als Flüchtlinge begegnen, gerne mit ihren eigenen Erlebnissen und Erfahrungen. Und stellt dann fest, dass sich wenig vergleichen lässt. „Ich selbst habe keinen Krieg und keine großen Schicksalsschläge erleben müssen.“ Dass das Leben auch in deutschen Familien anders verlaufen kann, weiß sie von ihrem Vater.

Die Erfahrungen aus Gesprächen mit ihm spiegeln Petra Gerlachs Zeilen im Pfarrbrief ebenfalls wider. Vom Vater habe sie erfahren, „was es heißt, Heimat zu verlieren und in der Ferne eine neue aufbauen zu müssen, gegen Widerstände und Abwehrhaltung derer, die immer wieder zum Ausdruck bringen, dass ich in ,ihrer Welt‘ fremd und nicht gewünscht bin“.

„Gemeinsam Zufriedenheit daraus ziehen“

Was die Versorgung von Flüchtlingen betrifft, erhofft sich Petra Gerlach mit Blick auf die Delmenhorster Verhältnisse, „dass es uns weiterhin so gut gelingt, die Aufgaben und die Menschen zusammenzubringen und gemeinsam Zufriedenheit daraus ziehen zu können“. Des Weiteren setze sie darauf, dass der Mut, die Aufgaben so anzugehen wie bisher, bei den vielen Beteiligten anhält.

Was die kommenden Wochen und Monate an neuen Flüchtlingen nach Delmenhorst bringen, die Ganderkeseerin weiß es nicht. Sie weiß noch nicht einmal mit letzter Bestimmtheit, was die nächsten sieben Tage bringen. Das Land habe zugesagt, während der Weihnachtstage und zum Jahreswechsel keine weiteren Menschen zu schicken. „Aber dazwischen liegen ja auch noch ein paar Tage“, sagt Petra Gerlach.

Im Fachbereich geht es nicht nur um Flüchtlinge

Überhaupt – und das ist ihr wichtig – kümmere sich ihr Fachbereich um deutlich mehr als um Flüchtlinge. „Wir erledigen auch unser Tagesgeschäft und das läuft nicht weniger gut“, sagt sie.

Wie das alles ineinandergreift, interessiert sehr viele. Auch an der Uni Bremen sollte Petra Gerlach schon über den Delmenhorster Umgang mit der Flüchtlingsthematik sprechen. Das hat sie erst einmal mit Dank abgelehnt. Es gibt einfach zu viel zu tun.