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Schülerprojekt mit Zeitzeugen Delmenhorster Schüler nehmen Zwangsarbeit in den Blick

Von Frederik Grabbe | 04.10.2015, 08:55 Uhr

762 Fremd- und Zwangsarbeiter wurden während des NS-Regimes auf der Nordwolle beschäftigt. Sie fertigten Flugzeugatrappen oder Munition für die Wehrmacht. 120 Schüler haben sich nun mit diesem dunklen Thema der Delmenhorster Stadtgeschichte beschäftigt.

Es sind die persönlichen Schicksale, anhand derer sich das Grauen am ehesten nachvollziehen lässt. Mit Einzelschicksalen aus einer der dunkelsten Perioden Delmenhorsts beschäftigten sich in den vergangenen Wochen 120 Gesamt- und Realschüler aus der Stadt: Im Sommer 1939 wurde aus der Nordwolle ein Wehrmachtsbetrieb, der während des NS-Regimes Munition, Granaten oder Flugzeugattrappen herstellte. In der Kriegsmaschinerie arbeiteten bis Kriegsende 762 Zwangsarbeiter, darunter 83 Jugendliche.

Unterrichtsmedium Zeitzeuge

„Wir wollten eine Ausstellung zum Thema NS-Zwangsarbeit in Delmenhorst machen und lieber etwas anderes auf die Beine stellen, als Plakatwände, auf denen man einfach nur Texte anheftet“, erzählt der Geschichtslehrer an der Realschule an der Lilienstraße, Manfred Lübbers. Also bauten die Realschüler Flugzeugatrappen oder Blendgranaten nach, erstellen Powerpointpräsentationen – oder sprachen mit dem früheren Nordwollemitarbeiter Rudolf Schewe, um Eindrücke über die Zwangsarbeiter zu bekommen. „Zwangsarbeiter mussten früher häufig auf engstem Raum leben, bekamen wenig zu Essen, Möglichkeiten, sich zu waschen, waren begrenzt, die hygienischen Zustände schlecht“, gibt die Realschülerin Nadia (15) ihr Wissen wieder. „Arbeiter aus Russland oder Polen mussten zur Kennzeichnung ein ,P‘ auf der Jacke tragen, schon beim Transport nach Deutschland starben viele von ihnen. Von 100 Transportierten kamen 30 an“, ergänzt Josephine (14).

Situation der Zwangsarbeiter vertiefen

Vieles von ihrem Wissen erhielten sie vom Zeitzeugen Schewe, der gegen Kriegsende Heranwachsender war. „Besonders eindrücklich war der Außenrundgang übers Nordwollegelände mit Rudolf Schewe, der sich als Zeitzeuge als gutes Unterrichtsmedium erwiesen hat“, so Lübbers, dessen Schüler Schewe auch als Interviewpartner für Filmaufnahmen gewinnen konnten. Nebenbei funktionierten die Realschüler ihren Klassenraum zu einen Ausstellungsraum um, Michéle (13) trug Kleider wie ehemalige Zwangsarbeiter und gab Texte über deren Leben wieder, „um deren Lebenssituationen zu vertiefend wiederzugeben“, wie sie sagt. „Sich das Wissen selbstständig zu erarbeiten und mit einem Zeitzeugen zu reden, war viel spannender, als bloß Texte zu lesen“, zieht Dominik (14) Resümee.

Zigarettenwährung und Kohlenklau

So ganz ohne Theorie ging es dann doch nicht, aber die war immerhin filmischer Natur: In Zusammenarbeit mit dem Medienpädagogischen Zentrum (MPZ) in der Stadtbücherei haben sich die Schüler den Film „Bomben, Bunker, Kohlenklau: Norddeutsche Lebensperspektiven zwischen Kriegsende und Währungsunion“ angesehen. „Es ging unter anderem darum, die Begriffe Zigarettenwährung oder Kohlenklau im Zusammenhang mit Zwangsarbeit zu klären“, sagt der Pädagoge Lübbers. Die

Biografien auf Karteikarten

Neben der 9. Klasse der Realschule haben sich noch vier weitere 10. Klassen der IGS mit dem Thema Zwangsarbeit beschäftigt. Unter anderem arbeiteten sie Biografien aus den Daten aus 45 Karteikarten der ehemaligen Personaldatei der Nordwolle auf, die im Fabrikmuseum ausgestellt sind. Anhand der Personendaten wurden Arbeitbedingungen und Lebenshaltung diskutiert, wie Museumspädagogin Gerda Hartmann erläutert.

Traum der Rückkehr in die Heimat

So mögen die Schüler auch auf den Franzosen „Cyrille Fontaine“ gestoßen sein: „Arbeitsort: Kämmerei“; „Eintritt: 23.12.41“; „Leistung: ungenügend“, ist auf seiner Karte zum Beispiel zu lesen. Dass Zwangsarbeit auf der Nordwolle nicht gleich zum Tode führen musste, war auch zu erfahren: Am „24.11.42“ nach der Station „Lagerhof“ erfüllte sich für Fontaine laut Karteikarte wohl der Traum eines jeden Zwangsarbeiters: Es ging „Zurück in die Heimat“.