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Schulmeidung in Delmenhorst Zahl der Schulschwänzer steigt deutlich

Von Frederik Grabbe | 01.06.2018, 20:10 Uhr

In Delmenhorst steigt die Zahl der Schulschwänzer. Darauf weisen Zahlen der Stadt hin. Auch die Zahl der notorischen Schwänzer kletterte kräftig. Bei der Stadt hat man das Problem erkannt. Das Amtsgericht geht seit 1. Juni neue Wege.

Die Zahl der Anzeigen wegen Schulschwänzens in Delmenhorst ist im vergangenen Schuljahr um rund die Hälfte gestiegen. Angaben der Stadt zufolge wurden im Schuljahr 2016/17 insgesamt 697 Anzeigen wegen Schulschwänzens verzeichnet. Das sind 225 Anzeigen mehr als im Schuljahr zuvor. Zudem fehlten 320 Kinder mehr als zehn Tage unentschuldigt. Im Schuljahr zuvor waren es 212. Diese Kinder gelten als notorische Schwänzer und versammeln entsprechend viele Fehltage auf sich.

Umfrage in vier Städten in Niedersachsen

Zuletzt hatte das Politikjournal „Rundblick Niedersachsen“ auf diese Zahlen aufmerksam gemacht. In einer Stichprobenabfrage in vier Städten im Land – neben Delmenhorst wurde auch auf Hildesheim, Wilhelmshaven und Hannover geblickt, wobei die Angaben aus der Landeshauptstadt als nicht belastbar gelten – hatte für die Delmestadt besonders hohe Zahlen hervorgebracht.

Forscher: Schwänzen tritt eher in bildungsfernen Familien auf

Eine Erklärung für den starken Anstieg der Anzeigen konnte Stadtsprecher Timo Frers nicht nennen. Eine Stellungnahme der Fachverwaltung lag bis Redaktionsschluss noch nicht vor. Dass die Stadt das Thema Schulabstinenz, wie das Schwänzen unter Pädagogen genannt wird, durchaus auf den Schirm hat, zeigt eine Fachtagung im Hanse-Wissenschaftskolleg (HWK) im vergangenen Herbst. Dabei hatte Professor Heinrich Ricking von der Uni Oldenburg, der den Hauptvortrag hielt, einen Zusammenhang zwischen Schwänzen und bildungsfernen Familien auf, deren Kinder also beispielsweise eher die Hauptschule als das Gymnasium besuchen. Es bestehe ein deutlich höheres Risiko, dass diese Kinder eher zu Schulverweigerern werden, sagte Ricking damals. Der Pädagoge forderte auch, bereits in der Kita oder in der Grundschule anzusetzen, um dem Problem der Schulmeidung zuvorzukommen.

 Weiterlesen: Immer mehr junge Delmenhorster schwänzen die Schule 

Angst vor der Schule, Mobbing oder Gewalt

In der Langzeitbetrachtung könne das chronische Schwänzen letztendlich soziale Randständigkeit, eine schwierigere berufliche Integration und auch gesundheitliche Einschränkungen zur Folge haben. Ursachen sind laut Ricking beispielsweise Schulangst – etwa bei Leistungsdruck – oder Angst vor Mobbing und Gewalt.

Amtsgericht bringt neues Modell an den Start

Um die Schulabstinenz anzugehen, will beispielsweise das Amtsgericht neue Wege gehen, das immer dann eingeschaltet wird, wenn Bußgelder nicht bezahlt wurden. Gerichtsdirektor Dr. Detlev Lauhöfer, seit Kurzem im Amt, teilte auf Anfrage mit, dass das Wildeshauser Modell im Umgang mit Schulverweigerern seit dem 1. Juni an den Start gegangen ist. Mit ersten Fällen vor Gericht rechnet er in sechs bis acht Wochen. „Grundsätzlich halte ich die Bußgeldschiene als nicht zielführend“, sagte Lauhöfer.

Mehr Beratung und Hilfen statt Repressalien

Das neue Modell schaltet dem Bußgeld, dem Arbeitsdienst oder dem Arrest das Familiengericht vor. Dieses lotet mit den Eltern dann aus, inwiefern Beratungen, ein Hilfeplan oder beispielsweise eine Unterbringung des Kindes in einer Jugendhilfeeinrichtung dem Problem Herr werden könnten. „All das findet derzeit nicht statt“, so Lauhöfer. Die Schulmeidung bezeichnet er als „Kernproblem“, bei dem im Zusammenspiel unter anderem mit dem Jugendamt dringend etwas passieren müsse. Er hält das neue Modell für erfolgversprechend: Seit August 2018 seien vor dem Wildeshauser Amtsgericht 18 Fälle behandelt worden. In 14 Fällen konnten Jungendhilfemaßnahmen installiert werden, laut Lauhöfer ein „großer Erfolg“.