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Selbstironie und Fäkalsprache Cindy aus Marzahn zeigt Vorpremiere in Delmenhorst

Von Alexander Schnackenburg | 07.10.2015, 14:48 Uhr

Gibt es bei Cindy aus Marzahn mehr als Genitalien und den Verdauungstrakt? Dies darf man sich nach dem Auftritt der Berliner Komikerin - auch bei reichlich Selbstironie - am Dienstag im Kleinen Haus fragen.

Delmenhorst im Fokus der Hamburger, der Berliner, der Kölner und sogar der Münchener sowie etlicher weiterer weit gereister Gäste: Bereits die Autokennzeichen auf dem vollen Parkplatz des Kleinen Hauses deuteten am Dienstagabend auf eine äußerst populäre Bühnenkünstlerin hin. Cindy aus Marzahn, mit bürgerlichem Namen Ilka Bessin, präsentierte dem Publikum ihr neues Programm „Ick kann ooch anders!!!“ in einer Vorpremiere.

Komik vom Rand der Gesellschaft

Die Komikerin bot ihren Zuschauern in ihrem pinkfarbenen Trainingsanzug und mit blonder Perücke genau das, was die meisten von ihr kennen dürften: die Kunstfigur einer sozial benachteiligten, zuweilen ins Asoziale abgleitenden, betont vorlauten Cindy aus Marzahn, der einst größten Plattenbausiedlung der gesamten DDR, im Osten Berlins gelegen. Selbstironisch berichtet sie von ihren Misserfolgen bei Männern, ihrer ungebrochenen sexuellen Gier, erzählt von Arztbesuchen, von der Arbeitslosigkeit und von desillusionierenden familiären Verhältnissen: Diese Frau hat sich am Rande der Gesellschaft eingerichtet – und Kinder wie Enkelkinder mitgezogen.

Persönliche Ansprache, authentischer Eindruck

Die eingefleischten Fans der Komikerin lachen vorbehaltlos über alles, was ihnen Cindy von der Bühne aus erzählt, lachen zuweilen gar, wenn sie gar nichts sagt. Geschickt bindet Cindy ihr Publikum immer wieder ein, lässt Scheinwerfer ins Auditorium leuchten, spricht mehrere Zuschauer persönlich an und sammelt auf diese Weise Pluspunkte auch bei Gästen, die ihr zunächst offensichtlich eher skeptisch gegenüber standen. Cindy wirkt authentisch.

Klischees und Witze über sich selbst

Trotzdem bleibt der „neutrale“ Zuschauer hin- und hergerissen. Gewiss, diese Frau versteht es, Klischees zu pflegen, ein – noch dazu selbstgeschaffenes - Rollenbild zu bedienen. Auch kann man nur bewundern, wie sie, offenbar frei von Eitelkeit, einen Witz nach dem anderen über ihre Essgewohnheiten und den eigenen übergewichtigen Körper macht. Ihre Weight-Watcher-Punkte des Jahres 2022 habe sie heute schon verbraucht.

Gibt es bei Cindy aus Marzahn mehr als Genitalien und den Verdauungstrakt?

Schwer erträglich aber bleibt das ständige Abgleiten der Komikerin in nicht zitierfähige Fäkalsprache. Obschon es zu ihrem Rollenverständnis dieser Kunstfigur passen mag, muss es doch auch für Cindy aus Marzahn mehr geben als Genitalien und den Verdauungstrakt. Oder kann sie, entgegen der eigenen Ankündigung, eben doch nicht anders?