Ein Angebot der NOZ
Ein Artikel der Redaktion

Sidra Ahmed im Bundesfreiwilligendienst Freiwillige gründet Cricket-Team mit Flüchtlingen

Von Katja Butschbach, Katja Butschbach | 11.03.2016, 07:48 Uhr

Sidra Ahmed gibt für das DRK Essen an Flüchtlinge aus – und übt mit ihnen Cricket. Die 19-Jährige hat viel mit Flüchtlingen gesprochen, ihre Geschichten berühren sie.

Wenn die Flüchtlinge in der Halle an der Weverstraße beim Cricketspielen über den Holzboden laufen, klingt das wie Donner. „Thunder“ (Donner) haben die fast 20 Flüchtlinge ihr Cricket-Team genannt, das die Bundesfreiwilligendienstleistende Sidra Ahmed gegründet hat: Es soll Beschäftigung bieten – und hat in der Halle Teamgeist geweckt.

Geschichte besser verstehen

Sidra Ahmed wollte mit ihrem Engagement als Freiwillige beim Deutschen Roten Kreuz auch die Geschichte ihrer Mutter besser verstehen: Als kleines Kind, sechs oder sieben Jahre alt, war diese aus Pakistan nach Deutschland geflohen und wuchs in Bayern auf. Seit Mitte Dezember ist Sidra Ahmed als Freiwillige beim DRK tätig, hat vorher schon ehrenamtlich dort gearbeitet. Nun ist sie vor allem in der Essensausgabe in der Halle an der Weverstraße eingesetzt. „Es macht Riesenspaß mit den Leuten, das ist einfach nur cool“, sagt sie. Sie kann sich über Englisch und Urdu, Amtssprache in Pakistan, mit Flüchtlingen aus Afghanistan verständigen – oder auch mit Pantomime.

Baby in Pizzabox transportiert

Die Flüchtlinge, berichtet sie, suchen jemanden zum Reden – dies erleichtere sie. Die 19-Jährige hört dabei Geschichten, die sie zum Teil schockieren. So hätten Eltern bei ihrer Flucht über das Meer ihr zehn Tage altes Baby in einer großen isolierten Pizzabox transportieren müssen, die außen am Boot angebracht war. Das Baby habe nicht mehr mit ins Boot hineingepasst. In einem anderen Fall waren 35 Flüchtlinge in einem Pick-up gemeinsam unterwegs. Es sei frontal auf sie geschossen worden, die Kugeln seien direkt an ihren Gesichtern vorbeigeflogen. Diese Geschichten dürfe sie nicht zu nah an sich heranlassen, meint Sidra Ahmed. Und das Baby sei heute wohlauf, es lache ganz viel.

Internationaler Speiseplan

Für die Flüchtlinge in der Halle an der Weverstraße, die momentan mit 99 Flüchtlingen belegt ist, gibt es einen internationalen Speiseplan. Am Donnerstag stand Rinderhack mit Kichererbsen auf dem Menü. Ein sehr beliebtes Essen, weiß Ahmed. Das DRK hat sich, berichtet Geschäftsführer Michael Pleus, an die Speisevorlieben der Flüchtlinge angepasst. Mittlerweile werde gelegentlich Graubrot verlangt – dies sei auch ein Stück Integration. Auch Backfisch sei sehr gefragt, erklärt Ahmed.

DRK-Ehrenamtliche in der Halle am Stubbenweg im Einsatz

Die Ehrenamtlichen des DRK sind aktuell abends in der Essensausgabe in der Halle am Stubbenweg eingesetzt. Fünf Ehrenamtliche sind pro Schicht dabei, insgesamt besteht das Team aus 42 Personen. Um 17 Uhr stellen die Aktiven Wurst und Käse bereit; von 18 bis 19 Uhr ist die Essensausgabe geöffnet. Zuvor, so Ingo Hammer, Leiter der Sozialarbeit, sind die Kinder schon an der Jalousie, klopfen dagegen. Sie bekommen zuerst ihr Essen, dann die Frauen, dann die Männer. Wer ohne besonderen Grund zu spät komme, müsse bis zur nächsten Mahlzeit warten, erläutert Pleus. Dies diene auch dazu, die Flüchtlinge an die Lebensweise in Deutschland zu gewöhnen: Wenn eine Behörde um 16 Uhr schließt, gebe es hier auch keine längeren Öffnungszeiten.

Essen ist ein großes Thema

Das DRK kocht für 300 bis 400 Flüchtlinge am Stubbenweg, an der Weverstraße und in der Barbara-Kaserne sowie künftig auch an der Lessingstraße. Essen, sind sich die Betreuer einig, ist für die Flüchtlinge ein großes Thema. Es werde immer wieder Essen gebunkert, erklärt Ahmed: Auf der Flucht hätten die Menschen über zwei, drei Monate nur sehr wenig zu essen gehabt. Außerdem esse man in asiatischen Ländern gegen 20 oder 21 Uhr, sodass manche sich auch Lebensmittel für die Nacht aufsparten.

Trainer für die ganze Halle

In ihrem Cricket-Team, berichtet Ahmed, achte sie auf Pünktlichkeit und Disziplin. Trainiert wird jeden Tag. Fast 20 Personen sind in der Gruppe, und viele Flüchtlinge wollen mit den Mitgliedern befreundet sein. Auch aus der Barbara-Kaserne, in der momentan 118 Flüchtlinge leben, sind drei Spieler dabei. In Afghanistan, und aus diesem Land kämen die meisten Flüchtlinge an der Weverstraße, sei Cricket ein Nationalsport.

Putzplan für die Halle

Der Trainer der Gruppe hat für die Halle einen Putzplan aufgestellt, in den auch die übrigen Bewohner aufgenommen worden sind. In Afghanistan müssten Männer nichts machen, in der Halle allerdings genauso viel wie die Frauen. Mit dem Cricket-Trainer habe man einen Trainer für die ganze Halle, lacht Ahmed. Sie nennt die Menschen in der Halle nicht Flüchtlinge, sondern lieber Bewohner, weil sie selbst den Begriff „refugees“ (englisch für Flüchtlinge) nicht mögen. Die Kinder in der Halle, berichtet Almut Bitter, stellvertretende Leiterin der Sozialarbeit, bemühten sich sehr, Deutsch zu lernen. Manchmal kaufen die Ehrenamtlichen für die Kinder Süßigkeiten, berichtet Hammer.

Studium geplant

Sidra Ahmed ist der Geschichte ihrer Mutter mit ihrer Arbeit bereits näher gekommen, berichtet sie. Sie ist nun selbst in der Situation, sich um Flüchtlingskinder zu kümmern, und versteht die Situation der Kinder, aber auch die der Betreuer. Nach dem Bundesfreiwilligendienst will sie studieren – am liebsten Internationale Soziale Arbeit.

Große Pläne für Cricket-Team

Für ihr Cricket-Team hat sie große Pläne: „Wenn wir Sponsoren finden, könnte es ein Spiel Niedersachsen – Bremen geben.“ Aktuell spielt ihr Team noch mit umklebten Tennisbällen und zwei Cricketschlägern. Die 19-Jährige sucht hier noch nach Sponsoren.