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Sommer 1945: Chaos in Adelheide Freudenschreie aus dem offenen Waggon

Von Dirk Hamm | 28.08.2015, 15:31 Uhr

Tausende ehemalige Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter waren im Sommer 1945 im Fliegerhorst Adelheide untergebracht. Übergriffe sorgten für Angst bei der Bevölkerung im Dorf.

Viele Delmenhorster Bürger, die den Krieg noch bewusst erlebt haben, erinnern sich auch an die chaotischen Zustände, die im Sommer 1945 rund um den Fliegerhorst Adelheide geherrscht haben. Nach der Einnahme der Stadt im April haben die Briten dort rund 30000 befreite Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter aus dem Weser-Ems-Gebiet zusammengezogen und untergebracht. Der Kasernenhof des Fliegerhorsts wurde zu einem Lager umfunktioniert, Nissenhütten als Notbehausung für die als „Displaced Persons“ bezeichneten Russen, Polen und Tschechen aufgestellt.

Die Briten waren mit der Situation völlig überfordert. Bald verbreitete sich unter der umliegenden ländlichen Bevölkerung die Angst vor den Trupps oft alkoholisierter Männer, die in der Gegend umherstreiften.

Tödlicher Zwischenfall kostet vier Menschen das Leben

„In Adelheide herrschte Chaos den ganzen Sommer über“, sagt Walter Budelmann. Der Stuhrer ist Nachkriegskind, Jahrgang 1950. Von seiner Mutter, die aus Adelheide stammt, hat er viele Geschichten über die Kriegsjahre und die Nachkriegszeit aufgesogen. „Die Bauern in Adelheide haben die Türen und die Scheunentore verrammelt, aus Angst vor Überfällen“, so habe ihm die Mutter erzählt. Vom Alkohol enthemmt hätten die ehemaligen Zwangsarbeiter mit ihrem lärmendem Gebaren und den Überfällen auf den Bauernhöfen „ihren Frust abgelassen“. Walter Budelmann lässt nicht unerwähnt, was bedacht werden muss bei der Einordnung des Verhaltens dieser Männer: Sie hatten während der Naziherrschaft jahrelang am eigenen Leib Erniedrigung und Unterdrückung erfahren.

Walter Budelmann erinnert sich an erschütternde Ereignisse, von denen seine Mutter ihm berichtet hat. So sei eines Tages eine Gruppe von Männern vor dem Haus der Nachbarn auf der gegenüberliegenden Seite der Adelheider Straße aufgetaucht, Schüsse seien abgefeuert worden und durch das Fenster gedrungen. Vier Menschen seien getötet worden.

Anständige Behandlung eines Polen bringt Bauern in brenzlige Situation

Dass Budelmanns Familie verschont blieb, sei dem Verhalten des Großvaters während des Krieges zu verdanken gewesen, weiß der Moordeicher aus den Erzählungen seiner Mutter. Der Großvater, dem wie allen Bauern Kriegsgefangene zur Zwangsarbeit auf dem Hof zugewiesen wurde, habe sich eines jungen Polen namens Tadeusz angenommen. Dieser sei ein „ganz junger Bengel“ gewesen, der viel geweint habe. Dass er in der Küche mit am Tisch sitzen und essen durfte, was verboten war, habe den Großvater in eine brenzlige Lage gebracht. Er habe jedoch dem Ortsbauernführer, der mit Konsequenzen drohte, auf Platt mutig entgegnet: „Wer bei mir auf dem Hof arbeitet, der sitzt an meinem Tisch und isst mein Brot!“

Tadeusz, so erfuhr der junge Walter Budelmann, habe sich dann im Sommer 1945 erkenntlich gezeigt: „Er hat sich an die Pforte des Hofes gestellt und Wache gestanden. Er hat dafür gesorgt, dass niemand auf den Hof kam und dort herumräuberte.“ Mit dem Rücktransport der Displaced Persons in ihre Heimatländer bis Ende August 1945 entspannte sich dann die Lage. „Gejohle und Freudenschreie“ seien durch den Ort gehallt, als die Männer in den offenen Eisenbahnwaggons losfuhren, hat Walter Budelmanns Mutter berichtet.