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Sommergespräch mit Axel Jahnz „Delmenhorst befindet sich im Umbruch“

Von Marco Julius | 15.07.2016, 21:31 Uhr

In der Stadt gibt es aktuell viele „Baustellen“. Axel Jahnz spricht im dk-Sommergespräch über kommende Aufgaben und Gestaltungsmöglichkeiten – und seine positive Sicht auf die Stadt.

Sommer in der Stadt. Der Sonnenschirm dient während des Interviews als Regenschutz. Das Gespräch wird an der frischen Luft geführt. So kann Jahnz zwischendurch zur Zigarette greifen. Ein wenig Dampf ablassen will er auch. Die Stadt kommt ihm oft zu schlecht weg.

 dk: Herr Jahnz, Delmenhorst gilt landläufig nicht als Stadt, deren Sorgen und Nöte andere Städte oder Gemeinden gerne hätten. Wo steht die Stadt im Juli 2016?

Axel Jahnz: Eines vorweg: Ich lasse mir diese Stadt, die auch meine Stadt ist, nicht schlecht- oder kaputtreden. Diese Stadt ist lebenswert und hat Perspektiven. Aber zurück zu Ihrer Frage: Wo steht Delmenhorst im Augenblick? Die Stadt befindet sich im Umbruch. Und diesen Umbruch müssen wir positiv prägen.

 Der Bürger hat eher den Eindruck, dass in vielen Bereichen nichts geschieht. Nehmen wir nur das Pultern-Gelände. Still ruht der See...

Es wird an vielen Ecken an der Zukunft der Stadt gearbeitet, das mag nicht immer sichtbar sein. Es wurden politisch bereits viele Pflöcke eingeschlagen. Aber ich gebe Ihnen Recht, der Bürger wartet auf den Spatenstich, auf das Bild, dass sich etwas bewegt. Das Pultern-Gelände ist eine wichtige Eingangspforte der Stadt, wo uns viele Gestaltungsmöglichkeiten offen stehen, wo neue Kreativität gefragt ist. Richtig ist: Es darf nicht beim Reden bleiben, es müssen Taten folgen.

 Beim Thema Hertie fehlt vielen auch noch der rechte Glaube. Auch dort ist keine Veränderung in Sicht.

Aber die kommt. Davon träumen andere Städte, das so etwas wie bei uns angepackt wird. Ich bin im engen Kontakt mit Investor Werner Uhde. Da kommt bald was in Sicht. Ich bin froh, dass wir das alles in Angriff nehmen, dass die ganzen Altlasten wegkommen, der ganze Beton, der ganze Müll. Das Hertie-Parkhaus, dieser Klotz, kommt weg. An der Stelle wäre doch sogar eine grüne Insel eine Verbesserung. Das City-Parkhaus kommt weg und macht Platz für etwas Neues und Schönes. Im Wollepark beginnt bald der Abriss. Das sind gute Nachrichten für die Stadt, die uns neue Möglichkeiten eröffnen.

 Kommen wir zu einem anderen Großprojekt, das die Stadt verändern wird. Das Josef Hospital Delmenhorst, das in der mittelfristigen Zukunft am Standort Mitte seinen Platz finden wird. Derzeit ist die Standortdebatte wieder aufgeflammt, die emotional geführt wird. Vor allem die Verkehrsproblematik steht im Mittelpunkt. Mit Recht?

Verkehrliche Fragen sind zu lösen. Doch die Standortfrage ist längst entschieden. Bei der Zusammenführung der beiden Krankenhäuser geht es darum, die medizinische Versorgung der Stadt auf dem bestmöglichen Niveau sicherzustellen, das ist unsere Aufgabe. Wir bekommen einen Zuschuss in Höhe von 80 Millionen Euro, das ist der größte Zuschuss in der Geschichte der Stadt. Und wir bekommen in der Stadtmitte ein nagelneues und hochmodernes Krankenhaus, das 1000 Arbeitsplätze bietet und uns die Chance eröffnet, noch mehr hochqualifiziertes Personal nach Delmenhorst zu holen.

 Was passiert ab 2020 mit dem Standort Wildeshauser Straße?

Diese Frage ist ganz entscheidend. Sie wird den neuen Rat, der ja im Herbst seine Arbeit aufnehmen wird, beschäftigen. Eines ist klar: Die Beplanung des kompletten Areals, ebenso wie Pultern ja eine Eingangspforte der Stadt, bietet uns zahlreiche Chancen. Und sie muss abgeschlossen sein, wenn der Standort Mitte bezogen wird. Der denkmalgeschützte Höger-Bau, der Park, das ganze Ensemble bieten doch fantastische Möglichkeiten. Im Übrigen bin ich nur wenige Meter vom Krankenhaus aufgewachsen. Auch ich verbinde mit dem Krankenhaus-Standort Deichhorst viele Emotionen. Aber das darf das politische Handeln nicht beeinflussen. Wir müssen uns den Realitäten stellen. Und wer weiß, ob der Standort Deichhorst nicht auch in Zukunft auf andere Art der Versorgung genutzt werden kann.

 Kommen wir zu einem weiteren emotionalen Thema in der Stadt, kommen wir zur Graft. Wie ist da der Stand?

Die Brunnensanierung geht weiter, die Trinkwasserförderung wird weiter angeschoben. Die Graft ist ein Kleinod, um das uns viele Städte beneiden. Jeder weiß um die Streitigkeiten, aber ich bin mir sicher, dass wir gemeinsam zu Lösungen kommen. Der Erhalt der Graft-Anlagen als wertvolles Naherholungsgebiet hat Priorität.

 Zuletzt kam Kritik auf. Der Oberbürgermeister Axel Jahnz und Stadtwerke-Chef Hans-Ulrich Salmen hätten ein so enges Verhältnis, da wären zwei, die Dinge in ihrem eigenen Interesse ausbaldowern.

Erstens einmal: Muss ich mich mit jedem Geschäftsführer in der Stadt zerfleischen? Muss ich mit jedem im Streit liegen? Oder ist es besser, konstruktiv zusammenzuarbeiten? Ich arbeite ergebnisorientiert, das wird auch so bleiben. Da wird auch nichts ausbaldowert. Zweitens: Jeder hier in der Stadt in führenden Positionen hat seine Interessen zu vertreten, wir sind alle verantwortlich für einen Teil dieser Stadt. Daran hat sich die Arbeit auszurichten. Und – auch das darf ich einmal sagen – in dieser Stadt gibt es viele Menschen, die für das Wohl der Stadt Delmenhorst arbeiten. Im Haupt- und im Ehrenamt.

 Eine Frau arbeitet nicht mehr für die Stadt, die City-Managerin hat ihren Abschied angekündigt.

Das ist bedauerlich. Aber es kommt ein neuer City-Manager oder eine neue Managerin. Die Arbeit geht weiter. Auch im Bereich Wirtschaftsförderung greifen mehr und mehr die Veränderungen. Wir sind da gut aufgestellt. Der Förderverein der örtlichen Wirtschaft macht sehr gute Arbeit...

 Mit Salmen an der Spitze...

...mit dem ganzen Team. Der Verein ist eine gute Spange geworden, er schafft ein Netzwerk. Wir haben nicht zuletzt viele tolle Investoren und Unternehmer in der Stadt, die Delmenhorst weiter nach vorn bringen wollen.

 Wir haben jetzt viel über Abriss gesprochen. Da liegt der Sprung nahe zum Thema Baulandentwicklung. Noch immer ist die Nachfrage nach Bauland in der Stadt größer als das Angebot. Können Sie Bauwilligen Hoffnung machen?

Wir brauchen definitiv eine andere Baulandentwicklung. Die derzeitige passt nicht zu einer Stadt mit 80000 Einwohnern. Nur Lücken zu bebauen, reicht nicht mehr. Wir müssen Bauland ausweisen. Selbst Unternehmer fragen bei mir an, weil sie Bauland für Mitarbeiter benötigen. Wir müssen den Wohnungsbau anschieben – für alle Interessenlagen. Wir brauchen Wohnraum für Zugezogene, Single-Wohnungen, Senioren-Wohnungen und Platz für Neubaugebiete. Unsere Stadt ist attraktiv für Neubürger.

 Wir haben die Kommunalwahl schon kurz angesprochen. Der Rathaus-Chef steht nicht zur Wahl. Hat er Wünsche für das Ergebnis?

Ich mische mich in den Wahlkampf nicht ein. Ich bin qua Amt neutral. Aber ich bin gespannt, wie sich die Mehrheiten verteilen werden, denn sie werden sich, davon gehe ich aus, neu verteilen. Und ich beobachte sehr genau, wie sich die Parteien positionieren. Mein Wunsch für den Wahlkampf: Wahlversprechen sollten in der Realität umsetzbar sein.