Ein Angebot der NOZ
Ein Artikel der Redaktion

Sozialpädagogin entwickelt Konzept Wie Delmenhorster Grundschüler lernen, sich zu konzentrieren

Von Bettina Dogs-Prößler | 19.11.2018, 08:22 Uhr

Grundschülern fällt es heute immer schwerer, sich zu konzentrieren und nicht immer im Mittelpunkt zu stehen. An der Käthe-Kollwitz-Schule gibt es jetzt eine spezielles Training für Erst- und Zweitklässer, um dem entgegenzuwirken.

Plötzlich ist es ganz still. 17 Kinder sitzen auf ihren Stühlen im Kreis – und keines davon sagt ein Wort. Dann wirft Sozialpädagogin Jana Stemmler einen mit Schaumstoffkügelchen gefüllten Ball in die Runde. Und der geräuschlose Trubel beginnt.

Einmal die Woche ist Jana Stemmler von der Delmenhorster Jugendhilfe-Stiftung in den Klassen der Käthe-Kollwitz-Schule unterwegs, um mit den Schülern soziales Miteinander zu trainieren. „Auffällig ist, dass die Kinder seit einigen Jahren immer egozentrischer werden“, sagt Stemmler. Seit 2011 arbeitet sie als Sozialpädagogin an der Grundschule, seit dieser Zeit begleitet sie die Jungen und Mädchen von der ersten Klasse an im Bereich soziales Lernen. „Kaum ein Erstklässler kann sich heute 20 oder 30 Minuten am Stück konzentrieren. Das war vor ein paar Jahren noch nicht so.“

Um solchen Entwicklungen etwas entgegenzusetzen, hat die 34-Jährige ein Sozialtraining entwickelt, das speziell auf die Bedürfnisse von Erst- und Zweitklässler zugeschnitten ist. Angelehnt an das Kinderbuch „Das Upps ist da“ von Ursel Scheffler, erweckt die Pädagogin ein kleines, grünes Stofftier zum Leben, dem die Kinder schließlich die Regeln eines harmonischen Zusammenlebens erklären. „Das Upps kommt eigentlich von einem fernen Planeten, auf dem nur Chaos herrscht, jeder nur zur Schule geht, wann er will und niemand auf den anderen achtet“, erklärt Jana Stemmler. Was die Kinder im ersten Moment immer ganz toll fänden, „aber dann recht schnell zu dem Ergebnis kommen, dass ein Leben ohne Regeln doch nicht so erstrebenswert ist“.

Und so erzählen die Kinder aus der Klasse 2b dem kleinen, grünen Strubbelmonster zu Beginn des Sozialtrainings, wie es ihnen die Woche über ergangen ist, was sie so erlebt haben und warum es wichtig ist, andere nicht zu schubsen, pünktlich zu sein, den Unterricht nicht zu stören und sich nicht immer in den Vordergrund zu drängeln. Um Aufmerksamkeit und Achtsamkeit, um Konzentration und Koordination geht es schließlich im „Level-Spiel“, in dem sich die Kinder nach einer bestimmten Reihenfolge Bälle zuschmeißen müssen, ohne dabei reden zu dürfen. Je höher das Level, desto mehr Bälle sind im Spiel – und umso kreativer werden die Kinder, geräuschlos auf sich aufmerksam zu machen.

Sozialtraining hilfreich

„Das Sozialtraining tut den Kindern sehr gut, es stärkt die Gemeinschaft und fördert die Konzentration“, schildert Klassenlehrerin Britta Kurpjuweit. Durch den hohen Medienkonsum heutzutage habe sich das Sozialleben der Kinder verändert, viele Schüler seien unruhig und könnten sich nicht lange konzentrieren, so die langjährige Lehrerin. „Dazu kommt, dass es Kindern immer schwerer fällt, etwas auszuhalten und nicht immer im Mittelpunkt zu stehen“, berichtet Stemmler. Eltern hätten heute oft Angst, bestimmte Entwicklungsphasen bei ihren Kindern zu verpassen, wenn sie ihnen nicht ständig etwas bieten würden. „Und ihnen somit immer mehr Reize anbieten“, so Stemmler. „Das Problem ist nur, die Kinder brauchen so immer mehr Reize, um überhaupt noch etwas aufnehmen zu können.“ Im Unterricht mache es sich dann dadurch bemerkbar, dass sie den Lernstoff auf normalem Wege gar nicht mehr aufnehmen könnten. „Es muss immer mehr interaktiv aufbereitet sein, damit es überhaupt bei den Kindern ankommt.“

Strubbelmonster hilft

Durch das spezielle Sozialtraining mit Strubbelmonster „Upps“ lernten die Kinder, sich wieder etwas zurückzunehmen, auf den anderen zu achten und sich einzuordnen. „Und ich bekomme so die Möglichkeit zu sehen, was in den Kindern vorgeht“, sagt Jana Stemmler. Auch Ängste, Sorgen und Probleme könne sie so frühzeitig erkennen. Um dann entsprechend darauf einzugehen.