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SPD im Gespräch Karl Lauterbach zeichnet in Delmenhorst düsteres Bild

Von Niklas Golitschek | 03.05.2019, 20:16 Uhr

Der Mediziner und stellvertretende Fraktionsvorsitzende der SPD im Bundestag, Prof. Dr. Karl Lauterbach, sprach in der Turbinenhalle Delmenhorst über Pflege und Gesundheit in Deutschland. Er zeichnete eine düstere Zukunft.

Der Mangel an Ärzten und Fachkräften in Pflegeberufen in Deutschland ist hinreichend bekannt. Wenn Prof. Dr. Karl Lauterbach jedoch darüber spricht, zeichnet sich ein noch düsteres Bild ab. „Pro Jahr fehlen uns 5000 Ärzte. In zehn bis 15 Jahren werden wir in einen eklatanten Ärztemangel kommen“, mahnte der Mediziner und stellvertretende Fraktionsvorsitzende der SPD im Bundestag am Donnerstag in der Turbinenhalle in Delmenhorst.

Dort war zu Gast für das Dialogformat der Sozialdemokraten, um über „Gesundheit, Pflege, Zukunft – Wie gelingt uns eine gute Gesundheits- und Pflegeversorgung“ zu reden. Die Akustik war angesichts der starken Echos nicht die Beste, doch Lauterbachs Botschaften vor den rund 70 Zuhörern umso klarer. Wie dieser drohende akute Ärztemangel noch abgewendet werden könne, da wirkte er allerdings selbst ein wenig resigniert. „Wir müssten in größerem Volumen ausbilden“, betonte Lauterbach. Schließlich dauere die Ausbildung rund zehn Jahre. Auch halte er es für abwegig, die Lücken mit Fachkräften aus dem Ausland zu füllen. Ärzte aus afrikanischen Ländern seien mit der hiesigen Technik oft nicht vertraut und auch bei Fachkräften aus Osteuropa sei die Sprachbarriere nicht zu unterschätzen. „Das wird alles andere als professionell gehandhabt“, bemängelte der Mediziner und merkte an, dass die Hausärzte zuerst ausgehen würden.

Mindestens 500 Betten

Für Städte wie Delmenhorst hat Lauterbach dafür ein paar konkrete Vorschläge parat: Eine gute, größere Klinik sei besser als zwei oder drei kleine. Die solle dann mindestens 500 Betten haben; das Josef-Hospital verfügt nach eigenen Angaben über 290. „Eine kritische Größe muss erreicht sein, sonst kann man die Fachkräfte nicht halten“, führte der SPD-Politiker weiter aus. Wenn Patienten etwa nach einer Knie-Operation nicht lange im Krankenhaus blieben, sei das durchaus begrüßenswert. „Da geht es nicht nur ums Geld“, betonte Lauterbach. Das Risiko einer Infektion mit Krankenhauskeimen falle weg und auch sei es Kopfsache, ob sich ein Patient zuhause beziehungsweise in Reha oder in einer Klinik befände. So beginne die Genesung schneller.

Gleichzeitig kritisierte Lauterbach, als er durch mehrere Folien seiner Präsentation hetzte, die Entwicklung der Belegschaft in den Kliniken. Seit 1991 sei die Zahl der Ärzte zwar leicht gestiegen, die der Pflegekräfte allerdings gesunken. „Mehr Fälle, mehr Einkommen“, stellte der Fachmann die Rechnung auf, die zulasten der Pflegekräfte und Patienten gehe. Mit dem Pflegekräfte-Stärkungsgesetz gelten seit Anfang dieses Jahres in pflegeintensiven Krankenhausbereichen Personaluntergrenzen. „Eine laxe Umsetzung wird nicht passieren. Das werden wir uns nicht bieten lassen“, versprach Lauterbach. Er beobachte auch die Vorbereitungen genau. Der Mangel an Pflegekräften – seit 2011 seien in keinem Jahr ausreichend ausgebildet worden – lasse sich jedoch einfacher lösen als der Ärztemangel.

Massives Personalproblem

Die in den vergangenen Monaten verabschiedeten Gesetze ändern allerdings nichts an Lauterbachs Forderung, Pflegekräfte besser zu bezahlen, Arbeitsbedingungen zu verbessern und Abschlüsse zu vereinfachen. Denn auch in der Altenpflege sehe er ein „massives Personalproblem“ kommen. Jeder Rentenjahrgang derzeit sei doppelt so groß wie ein neuer Grundschuljahrgang. Die Zahl von derzeit 3,3 Millionen Pflegebedürftigen werde in den kommenden 15 Jahren um 30 bis 50 Prozent steigen; um 80.000 pro Jahr. „Meist organisieren noch die Angehörigen. 80 Prozent wohnen in der Nähe ihrer Eltern. Bei den Jungen ist das anders“, mahnte er.

Mit hohem Tempo hätten seine Mitarbeiter in den vergangenen Monaten gearbeitet und viele Punkte eingebracht. „Der Koalitionsvertrag ist sehr präzise geschrieben und wir arbeiten schnell. Bis Sommer sollen noch drei bis vier Gesetze beschlossen werden“, erläuterte Lauterbach. Viele Weichen würden derzeit bestellt – die von ihm geforderte Bürgerversicherung hat es allerdings nicht in das Regierungsprogramm geschafft. „Die Lobbyisten sind stark“, bilanzierte er und nannte Ärzteverbände und Private Krankenkassen. Dennoch brach er eine Lanze für die Arbeit des Bundestags: „Er arbeitet besser, als es sich der Laie vorstellt.“ Verhandlungen mit den Bundesländern machten die Struktur oft schwerfälliger.