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Speisenausgabe in Delmenhorst Regeln zur Lebensmittelhygiene weitestgehend unbekannt

Von Frederik Grabbe | 27.04.2016, 08:39 Uhr

Bieten Vereine, Schulen, Kitas oder Kirchengemeinden bei Festen selbst bereitete Speisen an, gelten die Auflagen des Lebensmittelrechts. Wie diese genau aussehen, wissen allerdings nur wenige.

  • Bieten Vereine, Schulen, Kitas oder Kirchengemeinden bei Festen selbst bereitete Speisen an, gelten die Auflagen des Lebensmittelrechts.
  • Wie diese genau aussehen, wissen allerdings nur wenige.
  • Wer die Vorschriften gewissenhaft anwendet, riskiert, das Anliegen eines Festes aufs Spiel zu setzen, lautet eine Stimme.

Sie alle haben eines gemeinsam: Vereine, Kirchengemeinden, Schulen oder Kindertagesstätten bilden Orte der Zusammenkunft, der Begegnung und des Austauschs. Umso mehr gilt dies bei eigens veranstalteten Festen. Klar ist: Bei diesen Festen werden oft Speisen aller Art für Gaste aufgetischt. Doch der Verkauf dieser Speisen kann mitunter auch die Lebensmittelkonttolleure des städtischen Veterinär- und Ordnungswesens auf den Plan rufen. So ist es vor Kurzem bei einem Gemeindefest einer Delmenhorster Kirchengemeinde geschehen.

Hygienebestimmungen weitestgehend unbekannt

Ein Mitglied der Gemeinde, das nicht genannt werden möchte, schildert es wie folgt: Als das dk über das Gemeindefest berichtete, zeigte es auch ein Foto von Speisen, die an einem Tisch angeboten wurden. Dieses Bild sah auch ein Lebenmittelkontrolleur. Er bemerkte unter anderem auch: Die Speisen waren nicht bedeckt und befanden sich ohne Schutz eines Pavillons unter freiem Himmel. Streng genommen seien dies Verstöße gegen die Hygienebestimmungen der Lebensmittelüberwachung, schildert das Gemeindemitglied (genauer siehe Box „Zur Sache“). Es sei darum eine Ermahnung ausgesprochen worden, „der Kontrolleur war dabei aber noch freundlich und sehr kulant“, betont die Person.

Doch ebendiese Hygienebestimmungen scheinen weitestgehend unter Delmenhorster Kitas, Vereinen, Gemeinden oder Schulen jetzt vor dem anstehenden Sommer kaum oder nur in Teilen bekannt zu sein, wie eine Kurzumfrage des dk ergab.

Sahnetorten besser nicht bei Außenveranstaltungen anbieten

(Weiterlesen: Seminar soll Keime in Nahrung verhindern)

So beschreibt eine leitende Vertreterin, die ebenfalls nicht genannt werden möchte, einer Delmenhorster Kindertagesstätte, dass ihr offizielle Benachrichtigungen seitens der Stadt in Bezug auf den Speisenverkauf bei Festen nicht bekannt sind. „Mir ist nur bekannt, dass zum Beispiel Sahnetorten bei Außenveranstaltungen in der Sonne aus Gründen der Verderblichkeit nicht angeboten werden sollen.“ Darum biete die Kita bei entsprechenden Gelegenheiten nur trockenen Kuchen an. Hierzu habe es an die evangelisch getragene Einrichtung auch ein Schreiben des Oberkirchenrates gegeben. Eine Anfrage in diesen Bezug konnte die Regionale Dienststelle der evangelisch-lutherischen Kirche in Delmenhorst gestern nicht beantworten. „Generell richten sich unsere Kita-Feste eher an hier betreuten Kinder und ihre Eltern und nicht an Außenstehende, sie sind also intern“, sagt die Person. Hygienische Bedenken habe sie darum nicht. Eine Vertreterin der Kita „Zu den Zwölf Aposteln“ äußert sich ähnlich. Besondere Vorschriften seien nicht bekannt, „aber es ist ja klar, dass man Kartoffelsalat nicht bei 35 Grad in die Sonne stellt.“

Man kann Helfern nicht zumuten, jede Vorschrift im Detail zu kennen

Der Vertreter eines Delmenhorster Sportvereins sagt: „Gerade bei Hallenturnieren sind hygienische Bestimmungen nur schwer einzuhalten“, sagt die Person. „Man kann zum Beispiel von Eltern, die freiwillig für den Verein aushelfen, nicht erwarten, dass sie jede Hygienevorschrift im Detail kennen. Das ist zuviel verlangt.“ Auch wenn die Vorschriften für die Zubereitung ihren Sinn haben: Salate immerwährend zu bedecken oder immer Handschuhe oder Haarnetze zu tragen, könne nicht geleistet werden. „Man kann bei diesen Einzelfeiern keine Restaurantstandards erwarten.“ Dennoch appelliert das Vereinsmitglied an Ehrenamtliche, sich nicht von den Vorschriften abschrecken zu lassen. „Der Verzehr ist für viele Vereine eine wichtige Einnahmequelle. Das Geld fließt direkt ins Vereinsleben.“

Das Anliegen des Festes wird riskiert

Wie viel Unsicherheit diese Thematik in sich trägt, wird daran deutlich, dass kaum jemand bereit ist, seinen Namen zu nennen, ohne mit Konsequenzen durch die Lebensmittelkontrolle rechnen zu müssen. Die Ausnahme bildet der Schulleiter der Integrierten Gesamtschule (IGS), Ingo Fricke: „Wir verzichten bei Schulfesten gänzlich auf Hack. Abgesehen von den Speisen in der Mensa gibt es bei Festen größtenteils Bratwurst, Salat, Kuchen – und Torten unter einer Haube“, so der Schulleiter. „Wir versuchen so gut es geht die Regeln einzuhalten. Aber es gibt viele Graubereiche.“ So ganz genau wisse man über die Vorschriften nicht Bescheid, obwohl Schulfeste angemeldet werden müssen und ein vorheriger Austausch bestehe. Alle hygienischen Vorschriften einzuhalten ist laut Fricke nur schwer möglich, ohne den Bruch des eigentlichen Anliegens eines Schulfestes zu riskieren – das des Zusammenkommens eben.

37 Kontrollen, 0 Verfahren

Die Stadt unterdessen teilt auf Anfrage mit, dass gemäß dem Niedersächsischen Gaststättengesetz vier Wochen vor Beginn generell Veranstaltungen, wie das genannte Gemeindefest, anzuzeigen sind. Vorschriften wie Lebensmittelrechtliche Auflagen dienten dem Schutz vor einer „nachteiligen Beeinflussung der Lebensmittel“. Wer gegen Auflagen verstößt, riskiert im Rahmen des Lebensmittel- und Futtermittelgesetzbuchs mitunter ein Ordnungswidrigkeitsverfahren, dass je nach Fall mit einem Bußgeld bis zu 100.000 Euro geahndet werden kann. Allerdings: Zwar haben die zwei Lebensmittelkontrolleure in Diensten der Stadt 2015 37 Veranstaltungen kontrolliert – ein solches Verfahren musste jedoch nicht angestrengt werden.

Worauf kommt es an, werden Speisen bei Schul- Kita-, Vereins, oder Gemeindefesten Beispielen angeboten? Ein Überblick über lebensmittelrechtliche Auflagen der Stadt.

  • Lebensmittel an Dritte dürfen nur aus einer Betriebsstätte herausgegeben werden – eine Betriebsstätte hat einen Bodenbelag, zwei Seitenwände und ein Dach
  • darin muss eine Gelegenheit zur Handwäsche an einem Waschbecken bestehen
  • unverpackte Lebensmittel dürfen nicht angehustet oder direkt per Hand berührt werden, müssen also geschützt sein
  • es können Einmalhandschuhe getragen werden, um Direktkontakt zu vermeiden
  • Lebensmittel müssen kurz vor Verkauf hergestellt und hygienisch einwandfrei transportiert worden sein

Die kompletten Auflagen und mehr Infos zum Thema sind erhältlich bei der Lebensmittelüberwachung der Stadt.