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Stadtplanung in Delmenhorst Flüchtlingsnachzug könnte Zahl der Großfamilien steigern

Von Frederik Grabbe | 25.10.2017, 11:56 Uhr

Vergleichsweise mitgliederreich zeigen sich Delmenhorster Familien. Das gilt besonders für jene, die mit dem Jobcenter verbandelt sind. Auf die Planer der Stadt kommen so besondere Anforderungen zu – was auch an wenig aussagekräftigen, allgemeinen Zahlen liegt.

Delmenhorst scheint eine Stadt der Großfamilien zu sein – und sich verstärkt in diese Richtung zu entwickeln. Dies geht aus Zahlen des Delmenhorster Jobcenters und aus einer Einschätzung dessen Geschäftsführers Frank Münkewarf hervor. Und das stellt besondere Anforderungen an die Stadtplanung.

Besonders viele Großfamilien beim Delmenhorster Jobcenter registriert

Das hiesige Jobcenter hat im Juni verglichen, wie der Bestand an eigenen Hartz-IV-beziehenden Familien im Vergleich zu nahe gelegenen Jobcentern aussieht. So zählte die Einrichtung im Juni insgesamt 5667 Bedarfsgemeinschaften. Zu dieser Zahl gehören 1010 Haushalte mit vier oder mehr Personen – 534 Vier-Personen-Haushalte zählte das Jobcenter und 476 mit fünf oder mehr Personen. „Zusammengenommen sind das 17,8 Prozent aller Bedarfsgemeinschaften in Delmenhorst“, rechnet Münkewarf vor. Fast ein Fünftel aller Bedarfsgemeinschaften der Stadt bildet sich also aus Großfamilien. Zum Vergleich: In der Stadt Oldenburg machen diese beiden Gruppen 12,4 Prozent und in Wilhelmshaven 12,6 Prozent aller Bedarfsgemeinschaften aus. Delmenhorst erreiche damit einen Spitzenwert innerhalb des Gebiets der Agentur für Arbeit Oldenburg-Wilhelmshaven.

Flüchtlingsnachzug könnte Zahl der Großfamilien steigern

Auffällig ist: Seit vergangenem Jahr ist der Anteil der Familien ab vier Personen in allen Städten leicht gestiegen. Eine bestimmte Personengruppe hinter diesen Zahlen kann Münkewarf aber nur schwerlich bestimmen: „Gefühlt sind es vor allem Migranten, unter anderem Menschen aus Syrien, dem Iran, aber auch aus Osteuropa.“ Statistisch leben seinen Angaben nach 2,1 Menschen in einer Delmenhorster Bedarfsgemeinschaft. Münkewarf erwartet einen gestiegenen Wert, kommt es 2018 verstärkt zu einem Familiennachzug bei Flüchtlingen.

Klassische Familie auf dem Rückzug

Aber ist es überhaupt gerechtfertigt, auch Vierpersonen-Haushalte als Großfamilie zu deklarieren? Ja, allerdings: Angaben des Kommunalverbunds Bremen-Niedersachen und des Statischen Landesamtes Bremen zufolge, sind 80 Prozent der Haushalte im Gebiet des Kommunalverbunds Ein- bis Zwei-Personenhaushalte. Haushalte ab vier Personen oder größer machen zehn Prozent aus. Im Bund ist die Lage ähnlich. Wie der Diskussion am vergangenen Freitag in der Markthalle zum bezahlbaren Wohnen des Kommunalverbunds zu entnehmen war, liegt dies an der Überalterung der Gesellschaft. Gerade Ältere leben in kleineren Haushalten, wenn der Nachwuchs ausgezogen ist. Mit anderen Worten: Die klassische Familie aus Mutter, Vater, Tochter und Sohn ist auf dem Rückzug. Delmenhorst hingegen stellt sich in gewisser Hinsicht gegen den Trend.

Jobcenter befürchtet Mehrarbeit

„Viele Großfamilien bedeuten für uns, dass wir eine Menge Mehrarbeit haben, um beispielsweise die Leistungen nach dem Bildungs- und Teilhabepaket zu vergeben“, beschreibt Münkewarf eine Folge dieser Entwicklung für das Jobcenter. Rudolf Mattern, Fachbereichsleiter für Soziales bei der Stadt, lenkt den Blick auf Bezieher von Wohngeld – also jene Leistung, die gezahlt wird, wenn eine Familie so wenig Geld verdient, dass der Bund über die Stadt mit einem Mietzuschuss einspringt. Auch hier machten sich vermehrt Großfamilien bemerkbar, Zahlen nennt Mattern aber nicht.

„Sollten uns über Kinder freuen“

Generell wehrt sich Fachbereichsleiter Mattern gegen den „negativen Touch“, der dem Wort „Großfamilie“ anhafte: „Früher waren Familien mit drei oder vier Kindern normal. Heute sollten wir froh über jedes Kind sein, das hier zur Welt kommt. Derzeit werden im ganzen Land quer in allen Schichten mehr Kinder geboren. Das sollte uns freuen.“ Ob diese Behauptung für Delmenhorst so zutrifft, ist nicht vollends klar: Das Delmenhorster Standesamt beurkundete 2016 insgesamt fast 900 Geburten, fünf Jahre zuvor waren es knapp 740. Auf welche Gruppen sich der Zuwachs verteilt, ist nicht klar.

Zahlenwerke mit geringer Aussagekraft

Doch gibt es den Hang zur Großfamilie auch bei Haushalten, die nicht bedürftig sind? Im Wohnungsmarktbericht 2016 nennt die Stadt Delmenhorst insgesamt 2083 Vier-Personen-Haushalte und 1333 Haushalte mit fünf oder mehr Personen. Diese Zahlen stammen aber aus 2014, aktuellere führt die Stadt laut Sprecher Timo Frers nicht. Die Prognosen des Berichts sehen bis 2035 allerdings deutlich sinkende Zahlen bei den Vier-Personen-Haushalten und leicht steigende bei Haushalten mit fünf oder mehr Personen voraus – Letzteres wird mit einem „wachsenden Anteil an Ausländern und Menschen mit Migrationshintergrund“ begründet. Allerdings ist hier der Flüchtlingszuzug seit 2015 nicht berücksichtigt. Gesichert dürfte sein, auch wenn die Zahlen nicht sattelfest sind, dass Delmenhorst generell den Landesschnitt bei der Haushaltsgröße übertrifft: 2014 lebten statistisch 2,07 Personen laut Wohnungsmarktbericht in einem Haushalt, in Niedersachsen sind es 2,03 Personen, wie das Landesamt für Statistik 2013 festhielt. Auch hier bleibt der Faktor Flüchtlingszuwanderung außen vor, wird sich auf Delmenhorst aber wohl verstärkt auswirken, weil die Stadt in Niedersachsen eine von jenen Kommunen ist, die verhältnismäßig viele Flüchtlinge aufsuchen – und dies macht sich vor allem beim Jobcenter bemerkbar.

Flüchtlinge eminent wichtig für Planungsarbeit

Wie wichtig eine Berücksichtigung dieses Faktors für langfristige Stadtplanungen, und wie schwer die Arbeit für der Stadtstatistiker ist, war zuletzt bei der Kita-Bedarfsplanung im Mai, die ja nur einen Aspekt des städtischen Lebens abdeckt, zu erleben: Damals führte die Verwaltung in einer Vorlage aus, dass durch die tatsächliche Zuwanderung und mehr Geburten die eigenen Voraussagen zu den Bestandszahlen allein bei den Kindern unter drei Jahren um 23 Prozent übertroffen worden sind. Geradezu bezeichnend klingt ein Satz, der damals in einer Vorlage fiel: „Aktuell kann niemand verlässliche Prognosen erstellen.“