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Städtische Millionen sollen helfen Mordserie und Geldnot: Delmenhorster Klinik kämpft um Existenz

Von Michael Korn | 01.12.2017, 15:28 Uhr

Massenmörder Niels Högel und die Folgen: So kämpft das pleitebedrohte Delmenhorster Josef-Hospital ums nackte Überleben.

Die unfassbaren Gräueltaten von Massenmörder Niels Högel, der mehr als 100 Krankenhaus-Patienten aus Geltungssucht getötet haben soll, haben das besonders betroffene Delmenhorster Josef-Hospital an den Rand des Ruins gebracht. Seit Bekanntwerden der Mordserie, die von fehlenden Kontrollmechanismen auf den betreffenden Klinikstation begünstigt wurde, ist die Belegung des 340-Betten-Hauses in Delmenhorst rapide in den Keller gegangen. Dieses Minus und finanzielle Altlasten aus der Vergangenheit haben dazu geführt, dass das Josef-Hospital vor der Insolvenz steht und nun mit Millionenzuschüssen der Stadt Delmenhorst gerettet werden soll.

Stadtrat bewilligt Millionenhilfe

Der Stadtrat hat dafür am Dienstag, 28. November, einen weiteren Betriebskostenzuschuss in Höhe von zwei Millionen Euro bewilligt. Gleichzeitig beschloss das Kommunalparlament, dass die Verhandlungen mit der katholischen Stiftung St. Josef-Stift über eine vollständige Übernahme der Gesellschaftsanteile fortgeführt werden sollen. Die Stiftung will ihren 90-Prozent-Anteil an die Stadt übergeben, die bislang 10 Prozent hält. Der Stadtrat hatte der Josef-Hospital Delmenhorst Krankenhaus gGmbH bereits am 1. November einen Betriebskostenzuschuss von 1,5 Millionen Euro zum Ausgleich von Verbindlichkeiten aus Lieferungen und Leistungen gewährt. Derzeit läuft ein Schutzschirmverfahren, um das Unternehmen vor dem Zugriff der Gläubiger zu schützen. Das Defizit könnte bis Ende des Jahres bei zehn Millionen Euro liegen. Im vergangenen Jahr waren das katholische Stift und das städtische Klinikum zum Josef-Hospital fusioniert, das dank eines bereits bewilligten Landeszuschusses von 70 Millionen Euro einen Neubau in der Innenstadt plant..

Wirtschaftliche Basis?

Doch bis es tatsächlich zu einem Neubau kommt, muss zunächst einmal alles getan werden, um das Krankenhaus langfristig wieder auf eine solide wirtschaftliche Basis zu stellen: Insgesamt sollen noch 20 Millionen Euro in drei Einzelsummen für die Sanierung des Krankenhauses in den Jahren 2018 bis 2020 vom Rat beschlossen werden. Für 2018 sind im neuen Sanierungskonzept 13,3 Millionen, für 2019 dann vier Millionen und für 2020 noch 2,5 Millionen Euro vorgesehen.

160 Stellen fallen weg

Ungeachtet der nunmehr wahrscheinlichen Übernahme des Krankenhauses durch die Stadt zum 1. März 2018 werden, wie es das Sanierungskonzept vorsieht, von 1000 Mitarbeitern rund 160 gehen müssen. Das heißt, 112 von 630 Vollzeitstellen im JHD fallen weg, Kündigungen soll es noch zum 31. Dezember geben. Allerdings wird es wohl nur noch gut 100 Beschäftigte treffen. Laut Gert Prahm, der dem Betriebsrat des JHD vorsitzt, sind in den vergangenen Wochen bereits 50 Auflösungsverträge geschlossen beziehungsweise Eigenkündigungen erfolgt. Unter denen, die fortgehen, seien auch Ärzte. Oberbürgermeister Axel Jahnz, der als erster Redner in der Ratssitzung für den letztlich eingeschlagenen Weg geworben hatte, bezeichnete das Ratsvotum später als einen ersten Schritt. „Jetzt geht es ans Eingemachte, aber wir haben erst einmal einen Weg“, sagte er. „Die Menschen, die im Krankenhaus arbeiten, sind nicht mehr im luftleeren Raum.“

Weitere Anklagen 2018

Die Mordserie von Niels Högel hat nach Auffassung von Sanierungsexperten maßgeblichen Anteil daran, dass es einen großen Vertrauensverlust bei Patienten und niedergelassenen Ärzten gibt, obwohl die Taten schon mehrere Jahre zurückliegen und es mittlerweile entsprechende Überwachungsstrategien gibt, dass sich so etwas nicht wiederholt. Das Zurückholen des Vertrauens, sprich: dass die Patienten aus dem Raum Delmenhorst sich auch wieder in „ihr“ Krankenhaus einweisen lassen, ist daher eines der wichtigsten Ziele der nächsten Jahre. Allerdings dürfte leichte Skepsis angebracht sein, ob das nachhaltig gelingt: Im kommenden Jahr will die Staatsanwaltschaft Oldenburg aufgrund des nunmehr abgeschlossenen Ermittlungsverfahrens weitere Anklage gegen Högel erheben. Zudem soll drei Ex-Klinikmitarbeitern der Prozess wegen Totschlags durch Unterlassen gemacht werden.