Ein Angebot der NOZ
Ein Artikel der Redaktion

Starke Grass--Adaption „Blechtrommel“ wirbelt über Delmenhorster Drehbühne

Von Alexander Schnackenburg | 19.01.2016, 13:58 Uhr

Die „Schauspielbühnen in Stuttgart“ zeigen im Kleinen Haus in Delmenhorst eine Bühnenversion der „Blechtrommel“. Mit Erfolg, wie sich schnell herausstellt.

Alle Achtung: Regisseur Volkmar Kamm und die „Schauspielbühnen in Stuttgart“ halten in ihren Inszenierungen am Thema „Nationalsozialismus“ fest – mit wachsendem Erfolg. Erschien Kamms Bühnenfassung des Romans „Jeder stirbt für sich allein“ von Hans Fallada voriges Jahr noch ein wenig gehetzt und überfrachtet, so konnte er dem Delmenhorster Publikum im gut zur Hälfte gefüllten Kleinen Haus am Montagabend mit Günter Grass‘ „Blechtrommel“ eine überzeugende Romanadaption vorstellen.

Regisseur schöpft aus dem Vollem

Nun eignet sich der Roman, den Grass erst im Jahr 2010 für die Theaterbühnen freigegeben hat, auch denkbar gut für das Theater. Das gut 700 Seiten starke Werk ist reich an deftigen Bildern, die man indes nicht alle zeigen muss, damit das Publikum der Handlung noch folgen kann. Hier kann ein Regisseur aus dem Vollen schöpfen. Die Distanz, welche Ich-Erzähler Oskar Matzerath, der Blechtrommler, von Beginn an in Gedanken zur Welt der Erwachsenen aufbaut, lässt sich auf der Bühne wunderbar in grotesken Szenen veranschaulichen. Auch Oskars Schreie, mit welchen er Glas zerspringen lässt, machen sich trefflich auf der Bühne – und natürlich sein Blechtrommel-Spiel, mit welchem er zugleich das eigene Denkvermögen wachruft und die Menschen um sicher herum an den Rande des Wahnsinns treibt.

Schelmenroman im Fokus

Kamm konzentriert sich in seiner Fassung der „Blechtrommel“ auf jene Aspekte, deretwegen das Buch in der Fachliteratur auch als „Schelmenroman“ läuft. Der Regisseur und sein glänzender Hauptdarsteller Raphael Grosch zeigen humoristisch, wie sich Oskar durch das Leben und die Jugend mogelt: daheim in Danzig zwischen zwei „Vätern“ und der schließlich sterbenden Mutter ebenso wie später in „Hauptmann Bebras Fronttheater“ auf französischem Boden und schließlich in einer Irrenanstalt.

Kunstvolle Drehbühne

Die Regie (Bühnenbild: Alexander Roy) bedient sich einer kunstvollen Drehbühne, mit welcher sie im Kleinen Haus ungeahnte Möglichkeiten für plastische Szenenwechsel schafft - von der Kapelle mit Marienstatue, über die Stube der Matzeraths bis hin zur Front: eine nicht nur intellektuell, sondern auch ästhetisch ansprechende Vorstellung.