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Starker Zuzug aus Bremen Viele Delmenhorster wandern nach Ganderkesee ab

Von Frederik Grabbe | 27.02.2016, 11:18 Uhr

Hunderte Delmenhorster sind in den vergangenen Jahren nach Ganderkesee gezogen. Der Mangel an Bauplätzen hat auch Folgen auf die Einkommenssteuer.

Delmenhorst plagt ein Aderlass der besonderen Art: Seit Jahren schon verlassen Hunderte Delmenhorster die Stadt, um sich in der Nachbargemeinde Ganderkesee anzusiedeln. Auf den ersten Blick mag das nicht so schlimm sein, wenn man sich die Entwicklung der Bevölkerungszahlen ansieht: Die Stadt wächst. Anfang November verkündete die Verwaltung, dass erstmals in der Stadtgeschichte die 80.000-Einwohner-Marke geknackt worden sei.

Vor allem der Flüchtlingszuzug und die Zuwanderung aus Osteuropa machten sich zuletzt bemerkbar. Aus diesem Bereich zogen zwischen 2009 und 2014 fast 3000 Personen zu.

Starke Zuzugsbewegungen aus der Region

Schaut man auf die Statistiken der Stadt, stellt man fest, dass es auch aus der Region starke Zuzugsbewegungen gibt: So zeigen die Zahlen auf, dass allein 2014 773 Menschen von Bremen nach Delmenhorst gezogen sind, in dem Jahr davor waren es 792, Spitzenwerte für die vergangenen zehn Jahre. Die Zahlen zeigen deutlich: Nie war der Zuzug aus Bremen so stark wie seit 2012. Rechnet man den Wegzug nach Bremen gegen, zogen in den letzten Jahren im Saldo rund 800 Menschen von Bremen nach Delmenhorst.

Großer Wegzug von Delmenhorst nach Ganderkesee

Anders sieht es im Verhältnis zu Ganderkesee aus: Zwar liegen die Spitzen bei den Wegzügen von Delmenhorst nach Ganderkesee im Jahr 2003 (758) und 2009 (597) und damit weit zurück. Doch zuletzt war das Niveau der Wegzüge konstant hoch. Im Saldo zogen so zwischen 2003 und 2014 insgesamt 1100 Menschen von Delmenhorst nach Ganderkesee. Die Zahlen der Gemeinde Ganderkesee gehen sogar von einem noch größeren Wegzug aus: Demnach zogen im Saldo rund 2100 Delmenhorster zwischen 2006 und 2015 in die Gantergemeinde.

Plausible Vermutungen, aber kaum Handfestes zu Wegzügen

Über die Gründe für die Zu- und Wegzüge lässt sich indes nur spekulieren. „Nach den Motiven für einen Wegzug fragen wir zurzeit noch nicht. Das ist auch eine Frage von Ressourcen und Personal“, sagt der Fachdienstleiter für Stadtentwicklung und Statistik, Christoph Jankowsky. „Das nehmen wir uns für die kommenden zwei Jahre vor.“ Aktuell könne man nur über Wegzüge mutmaßen. So zögen zum Beispiel zahlreiche Senioren in Ganderkeseer Pflegeeinrichtungen kurz hinter der Stadtgrenze. Das mag eine plausible Vermutung zu einem Hintergrund der Wegzüge sein, aber durch Umfragen handfest gemacht ist es eben nicht.

222 neu gebaute Wohnungen stehen 500 Bauanfragen gegenüber

Und da ist eben diese Sache mit dem Bauland. „Nicht jeder Delmenhorster findet in der Stadt ein passendes Grundstück“, sagt Jankowsky. „Das ist bedauerlich und daran arbeiten wir.“ Wie im Planungsausschuss im November dargestellt, lagen der Verwaltung jüngst 500 Bauanfragen vor. Aus dem Strategiepapier zum Wohnungsmarkt in Delmenhorst, dass die Verwaltung an gleicher Stelle vorstellte, geht aber hervor, dass 2014 222 Wohnungen in der Stadt entstanden sind. Davon mehr als die Hälfte in Gebäuden mit mehr als drei Wohnungen. Es gibt also Luft nach oben.

Einkommensstarke Delmenhorster bauen woanders?

„Was die Kommune nicht will“, sagt Jankowsky zum Konkurrenzverhältnis zwischen Delmenhorst und Ganderkesee, „ist, der anderen das Wasser abzugraben.“ Apropos Konkurrenzverhältnis: „Viele Ganderkeseer, die in Heide oder in Elmeloh wohnen, fühlen sich als Delmenhorster, zahlen ihre Steuern aber in Ganderkesee.“ Die Gefahr also, dass einkommensstarke Delmenhorster woanders ihr Haus bauen, ist auf jeden Fall gegeben, sagt Jankowsky.

Einkommenssteuer in Ganderkesee stärker gestiegen

Diese Aussage wird auch durch folgende Zahlen unterstrichen: 2004 nahm die Stadt Delmenhorst nach Zahlen des Landesamts für Statistik rund 16 Millionen Euro an Einkommenssteuern aus Gemeindeanteil ein. 2014 waren es fast 25 Millionen Euro. Das ist ein Plus von 54 Prozent. Zum Vergleich: Die Gemeinde Ganderkesee steigerte den Ertrag aus der Einkommenssteuer im gleichen Zeitraum von 7,2 auf 12,4 Millionen Euro. Das ist ein Plus von 72 Prozent.

Grund für Umzug nach Ganderkesee: Es gibt Häuser zu kaufen

 (Weiterlesen: Kaum Platz für Bauland in Delmenhorst) 

Dazu ist auch eine Befragung von Bewohnern in Ganderkeseer Neubaugebieten von 2013 interessant: Demnach wohnten 47 Prozent der dortigen Bewohner noch nicht länger als drei Jahre in der Gemeinde. Die meisten (fast 40 Prozent) kamen aus Delmenhorst. Der häufigste Grund für ihren Umzug war übrigens: Sie hatten dort Wohneigentum gekauft.