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Stehende Ovationen in Delmenhorst Theater im Kleinen Haus: Gefangen in der Lebenslüge

Von Jasmin Johannsen | 23.10.2017, 12:08 Uhr

Auch fast 70 Jahre nach der Uraufführung hat das Stück „Tod eines Handlungsreisenden“ nicht an Aktualität verloren. Dies bewies am Sonntagabend die Inszenierung des Klassikers im kleinen Haus in

Es war kein Stück zum Zurücklehnen, das den rund 430 Besuchern am Sonntagabend im Kleinen Haus präsentiert wurde: Arthur Millers „Tod eines Handlungsreisenden“ beschäftigt sich damit, wie Menschen in einer auf finanziellen Erfolg gepolten Gesellschaft trotz stetiger Bemühungen in die Bedeutungslosigkeit rutschen können.

Niedergang einer Mittelklasse-Familie

„Buy now. Pay later“ – In großen Buchstaben prangte das amerikanische Konsumprinzip schon zu Beginn des Theater-Klassikers auf der Bühne. Mit dem „Jetzt Kaufen. Später bezahlen“-Motto brachte Regisseur Harald Demmer die Handlung des Dramas ganz einfach auf den Punkt. Die zunehmende Verschuldung und das gleichzeitig abnehmende Gehalt des alternden Willy Loman (Helmut Zierl) führt zum unausweichlichen Niedergang der ganzen Mittelklassefamilie. „Ich will doch nur, dass mir einmal etwas richtig gehört, bevor es kaputt geht“, beklagt sich dann auch der Protagonist bei seiner Ehefrau Linda (Stephanie Theiß), worauf es zustimmende Rufe aus dem Publikum gibt.

Beklemmende Aktualität eines Klassikers

Überhaupt zeigten sich die Zuschauer immer wieder von der beklemmenden Aktualität des Theater-Klassikers mitgerissen. Obwohl das preisgekrönte Meisterwerk 1949 uraufgeführt wurde, ist die Angst davor, keine finanziellen Erfolge feiern zu können oder ab einem bestimmten Alter aufs berufliche Abstellgleis geschoben zu werden, heute wieder so real wie zu Millers Zeiten.

Lebenslüge enthüllt

Die große Lebenslüge des Willy Loman enthüllt sich derweil stetig: Der Möchtegern ist mehr Schein als Sein. Nach der Entlassung aus der Firma (bei der er über 30 Jahre lang als Handlungsvertreter beschäftigt war) belügt er seine treu besorgte Frau, leiht sich immer wieder Geld von seinem Freund Charley (Martin Molitor). Auch die beiden Söhne Biff und Happy (gespielt von den Brüdern Jonas und Jean Paul Baeck) können die Familie nicht retten. Besonders der ältere Sohn fühlt sich von den Erwartungen des Vaters erdrückt. In lautstarken und fesselnden Streitgesprächen drehen Zierl und Jonas Baeck richtig auf, toben über die Bühne und verleihen ihren Charakteren emotionale Schlagkraft. Dank des brillanten Bühnenbilds von Oliver Kostecka sind selbst die surrealen Gespräche von Loman mit dessen verstorbenen Bruder Ben (Frank Voß) perfekt in die Handlungsebene verwebt.

Stehende Ovationen

Von der Leidenschaft des Schauspielensembles um Fernsehstar Zierl begeistert, dankte das Publikum mit einem minutenlangen Schlussapplaus und stehenden Ovationen.