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Tätertraining in Delmenhorst Gestalkt, gedroht, geschlagen: Ex-Stalker erzählt von seinen Fehlern

Von Sonia Voigt | 06.12.2017, 11:15 Uhr

Delmenhorst/ Landkreis Oldenburg. Weil er seine „absurd große Wut“ nicht im Griff hatte, hat ein 46-Jähriger aus dem Landkreis Oldenburg seine Ex-Frau geschlagen und am Telefon mit dem Tod bedroht. In der Delmenhorster Tätergruppe des Oldenburger Interventionsprojekts hat er an sich gearbeitet und ist sich nun sicher, dass er seine Fehler nie wiederholt.

Gestritten hatten sie sich schon lange. Er schwieg, schluckte Ärger runter, dann brach es aus ihm heraus. Oft und heftig. „Da war viel verbale Gewalt, es wurde laut“, sagt er, überlegt nochmal, korrigiert sich: „Ich wurde laut, das kam von meiner Seite.“ 2013 zieht seine Frau aus, nimmt die beiden kleinen Töchter mit. An den Wochenenden nach der Trennung holt sie stückweise Hausrat ab, es kommt zur Konfrontation in der Küche. „Dass sie die Sachen mitnimmt, hat die Trennung endgültig gemacht“, versteht er heute. Damals war da nur eine „absurd große Wut“. Er schlägt zu, seiner Frau ins Gesicht.

Die Schuldgefühle kamen gleich, das Eingeständnis später

Schuldgefühle hatte er sofort, sagt er heute. Darüber reden konnte er vor Scham lange nicht. Das geht erst, seit er im März 2017 begonnen hat, die Gewalt in seiner Ehe in der Delmenhorster Tätergruppe des Oldenburger Interventionsprojekts (Olip) aufzuarbeiten. Manches hatte er vier Jahre nach den Vorfällen ausgeblendet, seine Eltern halfen ihm, Erinnerungslücken zu füllen. „Ich wollte mir und den Trainern beweisen, dass ich an mir arbeite und Verantwortung übernehme“, sagt der 46-Jährige aus dem Landkreis Oldenburg. Die Tat rekonstruieren, Verantwortung für die ausgeübte Gewalt übernehmen, Schuld eingestehen: Das verlangt den Gruppenteilnehmern viel ab, berichtet die als Trainerin in der Täterarbeit ausgebildete Sozialpädagogin Daniela Hirt. Und es ist nur der erste Schritt.

Als Stalker Ex-Frau und Töchtern Angst gemacht

Das Ende der Gewalt ist der Schlag in der Küche noch nicht. Die Eifersucht auf den neuen Lebenspartner seiner Frau hat er nicht unter Kontrolle, auch nach der Scheidung 2015. Er fährt zu ihrem neuen Zuhause. Er schreibt E-Mails, bedroht sie massiv am Telefon. „Dann wirst du das Ende des Monats nicht erleben“, sagt er zu ihr. „Das habe ich nicht ernst gemeint“, sagt er heute. Aber er weiß inzwischen auch: Das spielt keine Rolle. Er ist der Stalker, der seiner Ex-Frau und seinen Töchtern Angst macht. Sie zeigt ihn an. Vor dem Amtsgericht kommt es im Herbst 2016 zum Vergleich. Er darf sich ihr und den Kindern nicht mehr nähern, hat seine Töchter seitdem nicht gesehen.

Verzweiflung ebnet den Weg ins Tätertraining

Die Empfehlung für das 52-stündige Olip-Tätertraining kam vom Jugendamt. „Ich war verzweifelt, dankbar und sofort bereit, mich in der Gruppe mit der Gewalt auseinanderzusetzen, die ich verbreitet habe“, sagt der 46-Jährige. Von März bis Ende November dieses Jahres plante er seine Schichtarbeit um die wöchentlichen Gruppensitzungen herum. Obwohl er die Gruppensituation aus einer Psychotherapie kannte, die er nach einem Klinikaufenthalt wegen Depressionen Ende 2016 begann, hatte er durchaus Respekt vor den Gesprächen mit den anderen Gewalttätern. „Ihre Situationen waren zum Teil noch schlimmer, aber letztlich sitzen wir alle in einem Boot“, berichtet er. Die Erfahrung der anderen und der gegenseitige Austausch helfe, außerdem seien die Trainer hilfreich und bemüht, selbst wenn im Kurs mal Emotionen hochkochen.

Tochter zieht Schlussstrich

Doch wenn es darum geht, wie er seinen Töchtern Angst machte und wieviel Leid er ihnen dadurch zufügte, kommt er auch nach 26 Gruppensitzungen ins Stocken. Manche Szenen haben sich ihm eingeprägt. Wie seine kleine Tochter sich hinter einem Bushäuschen versteckt, als er mit dem Auto in ihre Wohnstraße biegt. Wie sich die heute Zehnjährige zuerst freut, als er ihr an der Tür zum Geburtstag gratuliert und dann ins Wohnzimmer flüchtet, als zwischen ihm und seiner Ex-Frau Streit losbricht. Mit Vermittlung der Familienhilfe bessert sich das Verhältnis zunächst, doch nach einem weiteren Vorfall zieht auch die heute 13-jährige ältere Tochter einen Schlussstrich. „Du hast es so gewollt. Jetzt will ich keinen Kontakt mehr zu Dir“, lautet ihre letzte Nachricht.

Ein Notfallplan hilft, wenn Konflikte drohen

Er wünscht sich, dass das nicht das letzte Wort bleibt und seine Kinder irgendwann wieder Vertrauen zu ihm fassen. „Ich werde immer für sie da sein. Sie sollen merken: Papa hat an sich gearbeitet“, sagt er und hofft auf einen begleiteten Umgang als Start. Daher hat er dem Jugendamt mitgeteilt, dass er sein Tätertraining beim Oldenburger Verein Konfliktschlichtung erfolgreich beendet hat. Davon, dass er seine Fehler nie wiederholt, ist er überzeugt: „Ich habe gelernt in mich reinzugucken und Warnsignale zu erkennen.“ Wenn er Druck im Kopf spürt, unruhig wird und Gänsehaut bekommt, greift der Notfallplan, den er im Training erarbeitet hat. „Konfliktsituation verlassen, Atemtechnik, Angehörige um Hilfe bitten“, zählt er auf. Zudem sorgt der 46-Jährige besser für sich, baut Druck mit Sport ab, pflegt soziale Kontakte, spricht über Gefühle. Erster Test war kürzlich eine Zufallsbegegnung mit Frau und Tochter: „Ich bin ruhig geblieben, habe Distanz gewahrt. Da habe ich gemerkt, dass ich auf gutem Wege bin.“