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Tag des Gedenkens an NS-Opfer Botschaft der Hoffnung gegen das Grauen des Massenmords

Von Dirk Hamm | 25.01.2019, 21:32 Uhr

Ein Dokumentarfilm steht am Sonntag in Delmenhorst im Mittelpunkt des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus. Ein Konzert in Ganderkesee ist auch als Ausdruck der Hoffnung gedacht.

Sie erinnern an das dunkelste Kapitel der Stadtgeschichte: 37 Stolpersteine sind vor den Adressen ins Pflaster eingelassen, wo einst jüdische Mitbürger gelebt haben. Delmenhorster Bürger, die ab 1933 Schritt für Schritt ausgegrenzt, drangsaliert, dann deportiert und ermordet wurden oder sich durch Emigration vor der Shoah retten konnten. Es sind Schicksale wie das der Familie Haas. Sie war einst an der Cramerstraße 196 zu Hause. Drei Stolpersteine geben dort dem Schrecken der Judenvernichtung Namen: Leo Haas, Else Haas, geborene Eichholz, Hans Siegfried Haas.

Der Viehhändler Leo Haas emigrierte nach der Machtübernahme der Nazis nach Holland, doch die deutsche Besatzung ab 1940 holte ihn ein – er wurde ins Vernichtungslager Sobibor im besetzten Polen deportiert und dort am 16. Juli 1943 ermordet. Die geschiedene Ehefrau Else und Sohn Hans Siegfried blieben in Delmenhorst, wurden 1940 nach Bremen abgeschoben und im November 1941 nach Minsk ins Ghetto deportiert. Dort verlieren sich die Spuren im allgemeinen Grauen: Tausende Juden wurden ermordet oder durch schwere Zwangsarbeit zu Tode geschunden.

Dokumentarfilm über die „Hollandmöbel“

Im Alltag werden die Stolpersteine meist übersehen. Der Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus am Sonntag, 27. Januar, lenkt den Blick ganz bewusst auf die Verbrechen Nazideutschlands an Juden, Sinti und Roma, Kranken und Behinderten, Homosexuellen, politisch Verfolgten und vielen anderen. Das städtische Kulturbüro lädt dazu zu einer besonderen Veranstaltung ein: Im großen Sitzungssaal des Rathauses wird der Dokumentarfilm „Die Versteigerer“ gezeigt. Die ARD-Produktion beleuchtet den oft vergessenen Aspekt der systematischen Ausplünderung der Juden.

Als „Hollandmöbel“ wurde das gestohlene Inventar in den Kriegsjahren an die Bevölkerung verscherbelt. Die Oldenburger Historikerin Margarete Rosenbohm-Plate wird anwesend sein und über den Verkauf der „Hollandmöbel“ in Delmenhorst und dem Raum Weser-Ems berichten. Die Gedenkveranstaltung beginnt um 11 Uhr. Zur Begrüßung sprechen Oberbürgermeister Axel Jahnz und Pedro Benjamin Becerra, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Delmenhorst.

Gottesdienst und Konzert in Ganderkesee

Empfehlenswert ist morgen auch der Besuch der Sondervorstellung im Maxx-Kino um 11 und 16.45 Uhr. Gezeigt wird das Spielberg-Meisterwerk „Schindlers Liste“. Es erzählt die wahre Geschichte des Industriellen Oskar Schindler, der 1200 Juden vor der Ermordung rettete.

In Ganderkesee steht das Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus morgen im Mittelpunkt eines ökumenischen Gottesdienstes um 10 Uhr in der Kirche St. Cyprian und Cornelius sowie eines Konzerts der St.-Cyprian-Kantorei und des Städtischen Orchesters Delmenhorst ab 18 Uhr an selber Stelle. Das von Kreiskantor Thorsten Ahlrichs entwickelte Programm spannt musikalisch einen Bogen vom Leiden in den Konzentrationslagern über die Totenmesse – Mozarts „Requiem“ – hin zu einer sphärischen Ahnung des Friedens. Dargeboten wird unter anderem das Lied der „Moorsoldaten“, das von den Insassen des Konzentrationslagers Börgermoor bei Papenburg gedichtet und beim Torfabbau gesungen wurde. Ein Lied der Hoffnung ist der vom estnischen Komponisten Arvo Pärt vertonte Psalm 121. Der Eintritt kostet 20 und 15 Euro.

Gedenken an der „zerrissenen Wand“

Wie bereits in den vergangenen Jahren möchte der SPD-Unterbezirk Oldenburg-Land an die Verbrechen der Nazidiktatur erinnern. Treffpunkt ist um 15 Uhr im Dorfpark Falkenburg neben dem Amtshaus-Café. An der „zerrissenen Wand“, einem Klinkerkunstwerk im Flett des ehemaligen Lutherstifts, soll dann ein Gesteck niedergelegt werden. In der Wand ist ein Stein aus dem Krematorium des KZ Auschwitz eingelassen.

Der Gedenktag für die NS-Opfer ist 1996 vom damaligen Bundespräsidenten Roman Herzog ins Leben gerufen worden. Am 27. Januar 1945 war das KZ Auschwitz durch die Rote Armee befreit worden.