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Taten in Delmenhorst und Oldenburg Neue Anklage wegen 97-fachen Mordes gegen Niels Högel

Von Eyke Swarovsky | 22.01.2018, 11:58 Uhr

Neue Mordanklage gegen den Todespfleger von Delmenhorst und Oldenburg. Niels Högel soll sich in einem neuen Prozess für 97 Morde verantworten. Der ehemalige Pfleger soll aus Langeweile getötet haben.

Der bereits wegen Mordes, Mordversuchs und gefährlicher Körperverletzung zu lebenslanger Haft verurteilte Ex-Pfleger Niels Högel soll wieder vor Gericht. Die Staatsanwaltschaft Oldenburg hat Anklage wegen 97-fachen Mordes erhoben. Es geht in dem Verfahren um 62 Morde am ehemaligen Klinikum Delmenhorst und 35 Taten am Klinikum Oldenburg.

Mordmotiv Langeweile

Högel wird vorgeworfen, Patienten auf der Intensivstation ohne Indikation Medikamente gespritzt zu haben, um Herzrhythmusstörungen auszulösen, damit er die Personen anschließend reanimieren kann. „Dies tat er, um seine Fähigkeiten im Bereich der Reanimation gegenüber Kollegen und Vorgesetzten präsentieren zu können und um seine Langeweile zu bekämpfen“ teilt die Staatsanwaltschaft mit. In allen Fällen habe Högel das Versterben der Patienten billigend in Kauf genommen.

Bei seinen Taten nutzte Högel die Medikamente Kalium, Gilurytmal (Wirkstoff Ajmalin), Sotalex (Wirkstoff Sotalol), Xylocain (Wirkstoff Lidocain) und Cordarex (Wirkstoff Amiodaron).

Drei Verdachtsfälle nicht sicher

Mit der Anklage folgt die Staatsanwaltschaft bis auf drei Fälle den Ermittlungsergebnissen der 2014 gegründeten Soko „Kardio“. Im November 2017 verkündeten die Ermittler noch, dass am Klinikum Oldenburg von 38 Fällen auszugehen sei. „In drei Fällen konnte anhand der toxikologischen Untersuchung jedoch ein Tatnachweis nicht mit der für die Anklageerhebung erforderlichen Sicherheit geführt werden“, teilt die Staatsanwaltschaft nun mit.

Bei den 97 Taten in der Anklage handelt es sich um die Fälle, die durch Exhumierungen und toxikologische Untersuchungen nachgewiesen werden konnten. Die Dunkelziffer könnte noch höher sein, da zahlreiche mögliche Opfer nach ihrem Tod eingeäschert wurden und somit keine toxikologische Untersuchung mehr möglich ist.

Bereits zu lebenslanger Haft verurteilt

Für weitere sechs Taten ist Niels Högel in zwei Prozessen in den Jahren 2008 und 2015 bereits rechtskräftig verurteilt worden. Derzeit verbüßt er eine lebenslange Haftstrafe. An diesem Strafmaß wird sich aufgrund des neuen Prozesses nichts ändern.

Die Ermittlungen gegen die Verantwortlichen des Klinikums Oldenburg dauern noch an. Gegen drei ehemalige Kollegen vom Klinikum Delmenhorst wurde bereits Anklage wegen Totschlags durch Unterlassung erhoben. Nach Ansicht der Ermittler hätte ein großer Teil der Morde verhindert werden können, wenn Kollegen nicht weggeschaut hätten. Schon am Klinikum Oldenburg habe es eine Statistik gegeben, die zeigte, dass während der Schicht von Niels Högel die Sterberate und die Zahl der Reanimationen stieg.

 Weiterlesen: Kommentar - Kollegen tragen Mitschuld an Mordserie 

Erster Mord offenbar im Jahr 2000

Von 1999 bis 2002 arbeitete Niels Högel am Klinikum in Oldenburg. Hier soll er nach Ermittlungen der Soko „Kardio“ im Frühjahr 2000 seinen ersten Mord begangen haben. Nachdem Kollegen ein ungutes Gefühl beschlich, wurde Högel mit einem positiven Arbeitszeugnis und ohne Warnung ans Klinikum nach Delmenhorst weggelobt. Hier wurde er erst im Juni 2005 von einer Krankenschwester auf frischer Tat ertappt, als er einem Patienten ein Medikament verabreichen wollte, das dieser gar nicht bekommen sollte.

 Weiterlesen: Fragen und Antworten zur Mordserie von Niels Högel 

Das Landgericht Oldenburg muss nun entscheiden, ob es zu einem neuen Prozess gegen den Ex-Pfleger kommt. Wie lange das dauert, konnte Gerichtssprecher Michael Herrmann am Montag noch nicht abschätzen. „Die Akten sind heute Morgen bei uns entgangenen.“ Diese umfassten zehn Umzugskartons. Angesichts der vielen Opfer könnte das Verfahren zur logistischen Herausforderung werden. Die voraussichtlich hohe Zahl von Nebenklägern und deren Vertretern würde die Kapazitäten das Landgerichts sprengen. Deshalb müsste das Gericht vermutlich auf eine Alternative in der Stadt ausweichen.

Anwältin zufrieden

Die Delmenhorster Anwältin Gaby Lübben, die nach eigenen Angaben etwa 100 Angehörige vertritt, zeigte sich zufrieden über die Anklage. „Es geht jetzt voran. Wir haben bisher in einer Warteschleife gehangen.“ Der Prozess sei wichtig für ihre Mandanten, um mit den Taten umzugehen und diese zu verarbeiten.

Patientenschützer nehmen Politik in die Pflicht

Die Deutsche Stiftung Patientenschutz hat in der Vergangenheit bereits mehrfach gesetzlich vorgeschriebene anonyme Meldesysteme in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen gefordert, um Taten wie die von Niels Högel zu verhindern. Mit Blick auf die anstehenden Koalitionsverhandlungen zwischen CDU und SPD zeigt sich Vorstand Eugen Brysch zutiefst besorgt darüber, dass das Thema Patientensicherheit im Sondierungsergebnis keine Rolle spielt. „Angesichts der erschütternden Mordserie des Krankenpflegers Niels H. ist dies unerträglich. Das muss sich im Koalitionsvertrag dringend ändern. Gefordert sind nicht Absichtserklärungen, sondern konkretes gesetzgeberisches Handeln“ sagte der Patientenschützer im Gespräch mit unserer Redaktion.

Brysch fordert, dass die heute schon vorgeschriebenen Fehlermeldesysteme künftig in den bundesweit 2000 Krankenhäusern verbindlich auch anonyme Meldungen ermöglichen müssten. „Ebenso braucht es eine externe Anlaufstelle, bei der Whistleblower ihre Beobachtungen unerkannt anzeigen können.“

Es müsse alles dafür getan werden, dass im Falle eines Verdachts ein schnelles Eingreifen möglich ist. Dazu gehören für Brysch unter anderem ein umfassendes Alarmsystem, das Auffälligkeiten erkennt und meldet sowie eine lückenlose Kontrolle der Medikamentenausgabe in Krankenhäusern und Pflegeheimen.

 (mit dpa)