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„Tatort Krankenhaus“ Sachbuch greift Klinikum-Morde in Delmenhorst auf

Von Thomas Breuer | 14.04.2017, 17:35 Uhr

„Das System Krankenhaus hat viele Schwachstellen, das zeigen die Tötungsserien in Delmenhorst und Oldenburg erschreckend deutlich.“

So formulieren es Karl H. Beine, Professor für Psychiatrie und Psychotherapie, und die Journalistin Jeanne Turczynski in dem jetzt erschienenen Sachbuch „Tatort Krankenhaus“. Und sie lehnen sich weit aus dem Fenster, mutmaßen, dass es jährlich in Krankenhäusern und Heimen zu mehr als 21.000 Tötungen kommt. Die Taten des verurteilten Mörders Niels H., denen im Buch ein eigenes Kapitel gewidmet ist, wären demnach nur die Spitze des Eisbergs.

Autoren haben auch Angehörige der Opfer befragt

Die Autoren haben im Zuge ihrer Recherchen auch Angehörige von Opfern befragt, so etwa den Ganderkeseer Christian Marbach, der die Veröffentlichung und die daraus resultierende Diskussion positiv sieht. „Es ist uns sehr wichtig, dass nicht nur die strafrechtliche Sicht durch den Prozess aufgearbeitet wird, sondern eine breite Diskussion über Gewalt gegen Patienten stattfindet“, sagt Marbach. Denn die Verantwortung für den Fall Niels H. sieht er nicht nur in dessen Person. Klinikmitarbeiter, eine desolate Justiz und auch die politisch Verantwortlichen für das Klinikum haben nach seiner Einschätzung ihren Teil beigetragen.

Für Konfliktmanagement und Coaching

Um eine Systemkorrektur zu erreichen, fordern die Autoren nicht nur eine bessere Ausbildung im Krankenhauswesen. „Die persönliche Befähigung spielt nicht nur in den Pflegeberufen, sondern auch unter angehenden Medizinern keine Rolle“, kritisieren sie. Auch deswegen sei eine dauerhafte Unterstützung bei der Bewältigung ihres Alltags unabdingbar, Konfliktmanagement und Coaching eingeschlossen.

Eintreten für eine neue „Fehlerkultur“

Dabei ist Beine und Turczynski bewusst: „Der größte Feind für Gespräche und damit der größte Risikofaktor ist Stress.“ Eine neue „Fehlerkultur“, halten sie für hilfreich, eine weitere Arbeitsverdichtung nicht.

„Keine Angst haben, aber aufpassen“

Zu der Zahl von jährlich mutmaßlich 21.000 Tötungen hat Beine inzwischen in der „Zeit“ verdeutlicht, dass es sich dabei um eine „empirische Schätzung“ handele. Wer in eine Klinik muss, dem, so Beine, würde er raten, keine Angst zu haben, aber gut aufzupassen.