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Telefonieren nach dem Krieg Apparate aus der Kaiserzeit als Provisorium

Von Hermann Bokelmann | 23.09.2017, 11:25 Uhr

Der Harpsteder Hermann Bokelmann hat seit 1946 bei der Post als Zusteller und im Telefondienst am „Klappenschrank“ gearbeitet. In alten Unterlagen hat er entdeckt, dass erst 1954 das neue Wählamt im Ort eingeweiht wurde.

Heute besitzen schon die meisten Schulkinder ein Handy, da ist es kaum zu glauben, dass vor 60 Jahren nur 300 Familien und Firmen in Harpstedt und den angrenzenden Dörfern Telefon hatten.

Bis 1929 befand sich die Post mit der Telefon-Handvermittlung im Haus Grüne Straße 3. Das neue Postamt an der Kleinen Essmerstraße – heute Burgstraße 19 – wurde 1929 gebaut. Im Anbau wurde die automatische Wählermittlung installiert. Sie hatte 1939 schon 195 Fernsprechanschlüsse. Eine der letzten Bomben, die am 9. April 1945 auf Harpstedt fielen, zerstörte die Fernsprechvermittlung.

Klappenschrank für 100 Anschlüsse

Als ich im Februar 1946 bei der Post anfing, waren die ersten Telefone wieder angeschlossen. Im Postamt stand ein sogenannter Klappenschrank für 100 Anschlüsse mit den Telefonnummern 0 bis 99. Die Telefone mit Wählscheibe waren durch alte Apparate mit Handkurbel aus der Kaiserzeit oder Feldtelefone der Wehrmacht ersetzt worden. Bei nur 100 Anschlüssen wurden nicht alle 200 alten Telefonkunden angeschlossen. Auch 20 Anschlüsse über zwei Teile einer Wehrmachtsanlage reichten nicht.

Vier Kräfte stellen rund um die Uhr Verbindungen her

Als dann in der ehemaligen Luftmunitionsanstalt (Muna) in Dünsen viele Heimatvertriebene neue Betriebe eröffneten, reichte das Telefonkabel nach Dünsen nicht für die erforderlichen Anschlüsse. In der Muna wurde 1946 in der Poststelle für 60 Teilnehmer ein Klappenschrank der Wehrmacht installiert. Dort habe ich 1948/49 Dienst gemacht.

Dünsen wurde aufgehoben, als in Harpstedt der Anbau wieder errichtet war und dort für 300 Anschlüsse an drei alten Klappenschränken vier Kräfte rund um die Uhr bis 1954 die Telefonverbindungen herstellten. Dann bauten Techniker in drei Monaten ein neues, modernes Wählamt auf. Eigens zur feierlichen Einweihung am 13. August 1954 in „Drägers Saal“ hatte Rektor Robert Grimsehl ein plattdeutsches Stück, „Dat nee Telefon“, verfasst.

Damit war in Harpstedt beim Telefon das technische Zeitalter wieder eingekehrt. Der Selbstwählferndienst mit den Vorwahlnummern wurde dann ab 1972 möglich.

Umständliche Gesprächsvermittlung vor 70 Jahren

Die Gesprächsvermittlung war vor 70 Jahren umständlich. Auf einem Blatt für 100 Anschlüsse war jeweils ein Kästchen für jeden Anschluss, in dem die Ortsgespräche mit einem Strich notiert wurden. Für jedes Ferngespräch wurde ein kleiner Zettel mit Nummern, Uhrzeit und Gesprächsdauer ausgefüllt.

Im Nachtdienst durfte man auf einer Liege schlafen. Aber oft verlangten Gastwirtschaften zu später Stunde den Anschluss von August Stiller. Der Heimatvertriebene hatte ein Taxiunternehmen aufgebaut und musste dann „Berauschte“ nach Hause fahren. Um 5 Uhr telefonierten die Viehhändler schon mit den Bauern. Abends eine freie Fernleitung mit den Viehgroßhändlern im Ruhrgebiet und Rheinland zu bekommen, war schwer.

Bei Feueralarm Sirene auf dem Postamt eingeschaltet

Damals gab es den Notruf 112 noch nicht. Bei Feueralarm mussten die Postler auch die Sirene auf dem Postamt einschalten. Als eines Tages Oma Finke – die Mutter des späteren Landrats Werner Finke – aufgeregt anrief: „Bie Nohbor Wessel brennt et“, benachrichtige Werner Schröder sofort Nr. 18, Feuerwehrhauptmann Hermann Hoffmeyer. Ich bin in den Postkeller gesaust und habe die Sirene eingeschaltet. Das war schnellster Feueralarm.