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Theaterstück von Moritz Rinke Überzeugendes Tourneetheater in Delmenhorst

Von Helmuth Riewe | 16.12.2014, 17:43 Uhr

Mit Moritz Rinkes „Wir lieben und wissen nichts“ hat das Delmenhorster Publikum am Sonntag gehobenes Tourneetheater erlebt. Gut aufgelegte Schauspieler zeichneten differenzierte Charaktere.

Die Herausforderungen globaler Kommunikationstechnologien für den Bestand moderner Liebesbeziehungen hat Theaterautor Moritz Rinke in seinem Stück „Wir lieben und wissen nichts” zum Thema gemacht. Das Publikum hatte am Sonntag im Kleinen Haus Gelegenheit, sich mit seinen komödiantisch vorgetragenen Thesen auseinanderzusetzen. Ein glänzend aufgelegtes Schauspielerquartett sorgte für hohen Unterhaltungswert.

Im Zentrum des Stücks stehen sich mit dem Kulturhistoriker Sebastian (Helmut Zierl) und dem Technikfreak Roman (Uwe Neumann) zwei Personen gegenüber, wie sie für die gesellschaftlichen Umwälzungen des frühen 21. Jahrhunderts kaum typischer sein können. Hier der zurückgezogene Büchernarr, der dem Siegeszug des Internets mit Skepsis begegnet, dort der forsche Draufgänger, der jede technische Neuerung auch für einen gesellschaftlichen Fortschritt hält. Beide haben Frauen an ihrer Seite, die vor allem auf zwischenmenschliche Reibung als Kitt in der Beziehung setzen. Hannah (Elisabeth Degen) sorgt mit beruflichem Engagement immerhin dafür, dass auch Sebastian über die Runden kommt. Romans Ehefrau Magdalena (Teresa Weißbach) hingegen wird allenfalls als schönes Dummchen geschätzt. Als sich diese ungleichen Paare im Zuge eines geplanten Wohnungstausches treffen, kommt es fast zwangsläufig zu heftigem Streit und Verwicklungen, aber auch zu emotionalen Annäherungen bis hin zu sexuellen Gelüsten.

Unter der Regie von Rüdiger Hentzschel entwickeln die Schauspieler ein differenziertes Charakterbild von vier Menschen, die in ihren inneren Strukturen ebenso vielschichtig und brüchig sind wie die gesellschaftlichen Verhältnisse, in denen sie sich zurechtzufinden haben. Roman und Hannah haben dabei den Vorteil, als mitten im Beruf stehende Menschen zumindest über die floskelhaften Kommunikationsstandards einer bürgerlichen Mittelschicht zu verfügen. Demgegenüber sind Sebastian und Magdalena schon viel zu sehr in die Abhängigkeit vom Partner verstrickt, um noch konventionell und angepasst funktionieren zu können. Überzeugend gelingt es vor allem Helmut Zierl und Teresa Weißbach, die Beschädigungen des jeweils eigenen Ichs aufzuzeigen, die erst durch die Abhängigkeit von den nicht mehr geliebten Partnern entstanden sein mögen. Die Kraft, gemeinsam einen Neustart zu wagen, bringen Sebastian und Magdalena nicht mehr auf.