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Tierzüchter beklagen Nachwuchsprobleme Warum wird man Mitglied in einem Tierverein?

Von Johannes Giewald, Johannes Giewald | 05.09.2016, 10:26 Uhr

Delmenhorster Tierzüchter leben ihre gemeinsame Leidenschaft zum Tier im Verein aus. Wegen fehlendem Nachwuchs entwickelt sich die Tierzucht jedoch zum reinen Rentnerhobby.

„Die Vorbereitung ist das A und O. Nur eine topfite Taube kann Leistung erbringen.“ Wenn Rainer Herbst und Jürgen Dietrich im Garten sitzen und von ihren Tauben erzählen, würde manch einer das Gefühl bekommen, die Rede sei von einem Hochleistungssportler. Über ihnen gurrt es aus den Dachfenstern. Knapp 60 der gefiederten Sportler beherbergt Herbst auf seinem Dachboden. „Ein Taubenparadies“, nennt es Zuchtfreund Dietrich. Die große Leidenschaft für die Tauben eint die beiden Rentner, ausgelebt wird sie gemeinsam mit anderen Züchtern im Brieftaubenverein.

Die Zucht ist der Kern des aktiven Vereinslebens aller Delmenhorster Tiervereine, ganz gleich welches Tier im Vereinstitel steht. Treffen mit Klönschnack, Austausch von Erfahrungen und gegenseitiges Beraten in Zuchtfragen machen das Vereinsleben aus.

Seit Kindesalter dabei – heute fehlen Gleichgesinnte

Rainer Herbst besitzt seit seinem sechsten Lebensjahr Tauben. „Die ersten Tauben hatte ich bei meinem Vater im Hühnerstall“, erzählt er. Irgendwann hat er dann angefangen Brieftauben zu züchten und mit diesen an Wettbewerben teilzunehmen. Den Wettflug ihrer Tauben über hunderte Kilometer ans Ziel sehen die Brieftaubenzüchter als Sport, ihre gemeinsame Interessensvereinigung folglich auch als Sportverein. Mit sportlichem Ehrgeiz treten die Züchter gegeneinander an, Siegerehrung und Pokale gehören dabei dazu wie beim Fußball. „Wenn man diesen Virus einmal hat, wird man ihn nicht wieder los“, sagt Herbst.

Reisevereinigung nennt sich der Zusammenschluss mehrerer Brieftaubenvereine in der Region. Die Züchtergruppe fährt bis zu 600 Kilometer weit und lässt von dort aus ihre Brieftauben losfliegen. Dem Besitzer, dessen Federvieh den Heimweg am schnellsten zurücklegt, blüht die Siegestrophäe.

Von Kindesbeinen an war Herbst auch schon im Verein aktiv, ebenso Jürgen Dietrich. Heute sind die meisten der Brieftaubensportler Rentner, Nachwuchsprobleme gibt es in diesem Hobby nicht nur in Delmenhorst. „Es ist ein tolles Rentnerhobby, man hat immer was zu tun, aber es wäre schön, wenn wir auch junge Leute hätten“, sagt Herbst.

Zuchtausstellen der Höhepunkt für Vereinsmitglieder

Über fehlende Jungzüchter klagt auch Egon Heuer, Vorsitzender vom Vogelverein „Exotis“ sowie vom Geflügelzüchterverein in Delmenhorst. „Die Leute wollen sich nicht mehr binden“, meint Heuer. Die Vogelzucht ist zudem eine Frage von Zeit und Platz. Ein Rentner mit Garten hat beides und kann diese Verpflichtung den Tieren gegenüber eingehen. Junge Leute suchen sich lieber ein Hobby, bei dem sie frei sein wollen, sagt der Vogelzüchter. Andere Vogelvereine aus Delmenhorst haben die Aufzucht aufgrund von fehlendem Nachwuchs schon aufgegeben.

Die Mitglieder des Vogelvereins treffen sich regelmäßig und tauschen sich über ihre Zuchterfolge aus. Je nach Vorliebe zieht jedes Mitglied seine eigene Vogelart auf. Heuer hat eine Schwäche für australische Prachtvögel und Wildtauben. Die Höhepunkte des Vereinslebens sind die Ausstellungen, in denen die Züchter stolz ihr aufgezogenes Federvieh zeigen können. „Die Ausstellungen sind sozusagen das Entedankfest der Vereine“, erzählt Heuer. Auch Schulen habe der Verein regelmäßig eingeladen, um junge Menschen von der „gelebten Natur“ zu begeistern – die Resonanz hielt sich in Grenzen.

Teenager entwickeln andere Interessen

Deutlich größer ist das kindliche Interesse an niedlichen Kaninchen. Der Rassekaninchenzüchterverein I5 Delmenhorst hat eine eigene Jugendgruppe mit etwa zwölf Mitgliedern. Mit Hellen Großsilbern, Zwergwiddern oder anderen Kaninchenrassen können die ganz Jungen mehr anfangen, als mit Vögeln. Doch auch diese Leidenschaft vergehe häufig im Teenageralter. „Das Gros in unserem Verein ist zwischen 55 und 65.“, sagt Vorsitzender Wolfgang Gebauer, der schon von klein auf im Kaninchenzuchtverein Mitglied war, „wenn man überlegt: In zehn Jahren ist das vorbei?“.

Auch hier spezialisieren sich die Mitglieder je nach Vorliebe auf bestimmte Kaninchenrassen. Der richtige Kaninchenliebhaber, der sich im Verein engagiert, hat mindestens zehn der kleinen Fellträger – der Platz für über 30 Kaninchen, wie Gebauer sie im Garten hat, muss da erst einmal vorhanden sein. Ebenso die Zeit sich morgens und abends um die große Zahl der Kaninchen zu kümmern. Die monatlichen Versammlungen zum Austausch nehmen da noch am wenigsten Zeit in Anspruch.

Highlights für die Züchter sind ebenfalls die Ausstellungen, auf denen sich die gezüchteten Karnickel beweisen müssen. Körperbau, Gewicht, Fell und weitere Merkmale werden vom Preisrichter penibel genau bewertet. Ebenso genau werden neue Mitglieder unter die Lupe genommen, bevor sie als Zuchtfreund im Verein Mitglied werden – da kann es auch mal sein, dass der Vereinsvorsitzende überraschend vor der Tür steht und „kontrolliert, dass auch ordentlich gezüchtet wird.“