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Toxikologische Untersuchungen abgeschlossen Niels Högel tötete offenbar 106 Menschen

Von Eyke Swarovsky | 09.11.2017, 11:56 Uhr

Die Zahl der möglichen Mordopfer des als „Todespfleger“ bekannt gewordenen ehemaligen Krankenpflegers Niels Högel hat sich noch einmal erhöht. Während seiner Tätigkeit in Delmenhorst werden ihm nun 62 Sterbefälle zugerechnet. Insgesamt steigt die Zahl auf 106 möglichen Morde.

Am 28. August hatten Polizei und Staatsanwaltschaft die Öffentlichkeit über den Stand der Ermittlungen gegen den ehemaligen Krankenpfleger Niels Högel informiert. Zu 41 Verdachtsfällen konnten zum damaligen Zeitpunkt noch keine abschließenden Aussagen getroffen werden, da die toxikologischen Untersuchungen noch nicht abgeschlossen waren. Seit dieser Woche liegen den Ermittlungsbehörden nun alle toxikologischen Ergebnisse vor. Es haben sich 16 weitere Verdachtsfälle ergeben.

Wahrscheinlich 62 Morde in Delmenhorst

Dem ehemaligen Krankenpfleger können während seiner Arbeitszeit in Delmenhorst somit nunmehr insgesamt 62 Sterbefälle zugerechnet werden:


  •  29 Taten unter Verwendung von Ajmalin
  •  4 Taten unter Verwendung von Sotalol
  •  22 Taten unter Verwendung von Lidocain
  •  3 Taten durch Erinnerung/Geständnis
  •  eine Tat durch Zeugenbeweis
  •  3 Taten als „Altfälle“ (Exhumierung vor Einrichtung der Soko) unter Verwendung von Lidocain

Hinzu kommen die sechs Taten, für die der Beschuldigte bereits in zwei Prozessen (in den Jahren 2006/2008 und 2014/2015) rechtskräftig verurteilt worden ist.

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38 Fälle in Oldenburg bestätigt

Für den Beschäftigungszeitraum des Beschuldigten im Klinikum Oldenburg ergibt sich jetzt ein Tatverdacht in den folgenden 38 Fällen:


  •  7 Taten unter Verwendung von Kalium
  •  9 Taten unter Verwendung von Ajmalin
  •  3 Taten unter Verwendung von Sotalol
  •  4 Taten unter Verwendung von Amiodaron
  •  12 Taten unter Verwendung von Lidocain
  •  3 Taten durch Geständnis

Für fünf dieser Verdachtsfälle muss nach Angaben der Staatsanwaltschaft jedoch einschränkend angemerkt werden, dass hier aufgrund einer medizinisch indizierten Medikamentenverabreichung noch ergänzende Untersuchungen erfolgen müssen. Wann die für eine abschließende Bewertung dieser Fälle notwendigen Ergebnisse vorliegen, kann derzeit noch nicht gesagt werden.

Noch offen sind ebenfalls die Ergebnisse der durch die Staatsanwaltschaft im Wege der internationalen Rechtshilfe in Auftrag gegebenen Exhumierungen in der Türkei.

Noch weitere Opfer möglich

„Es könnten mehr sein“, sagt Oberstaatsanwalt Martin Koziolek von der Anklagebehörde in Oldenburg. Einige mögliche Opfer des Todespflegers wurden eingeäschert, konnten daher von den Ermittlern nicht mehr untersucht werden.

Eine weitere Anklageerhebung durch die Staatsanwaltschaft gegen Högel wird voraussichtlich Anfang kommenden Jahres erfolgen.

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Viele Taten hätten verhindert werden können

Fest steht nach Ansicht der Ermittler, dass ein großer Teil der Morde hätte verhindert werden können. Schon am Klinikum Oldenburg gab es eine Statistik, die zeigte, dass während der Schicht von Niels Högel die Sterberate und die Zahl der Reanimationen stieg.

Das Klinikum Oldenburg trennte sich von dem verdächtigen Pfleger und stellte ihm sogar ein gutes Arbeitszeugnis aus. Eine Warnung an das Klinikum Delmenhorst blieb aus. Auch dort gab es bald Gerüchte, weil auffällig viele Patienten während der Schicht von Niels Högel starben. Später lagen auch handfeste Beweise vor: Zwei frühere Oberärzte und der Stationsleiter werden deshalb wegen Totschlags durch Unterlassen vor Gericht stehen.

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„Die Schreckensmeldungen im Fall Niels H. nehmen kein Ende. Aber noch immer haben Bund und Länder kein wirksames Maßnahmenpaket erlassen“, kritisiert der Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz, Eugen Brysch. Weiterhin fehlten flächendeckende Anstrengungen, um solche Einzeltäter rechtzeitig zu stoppen.

Denn Morde wie in Delmenhorst und Oldenburg könnten überall vorkommen. So gebe es für die meisten der bundesweit 2000 Kliniken kein externes anonymes Meldesystem. „Es braucht zudem ein umfassendes Alarmsystem, das Auffälligkeiten sofort erkennt und schnelles Einschreiten ermöglicht.“ Dazu würden eine lückenlose Kontrolle der Medikamentenausgabe, eine intelligente Sterbestatistik für jede Abteilung und amtsärztliche Leichenschauen zählen. „Jedem ernsthaften Verdacht muss nachgegangen werden“, fordert Brysch. (mit dpa)