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Tragische Handlung in leichtem Gewand Musikschule Delmenhorst bringt „Anatevka“ auf die Bühne

Von Alexander Schnackenburg | 21.06.2015, 17:09 Uhr

Das Musiktheater-Ensemble der Musikschule Delmenhorst hat am Freitag die Premiere von „Anatevka“ im fast ausverkaufen Kleinen Haus gefeiert. Am Ende gab es stehende Ovationen für eine imponierende Leistung.

Ein Milchmann, dessen Pferd lahmt, ein Schneider ohne Nähmaschine, eine hungerleidende Heiratsvermittlerin, fünf Töchter, die es adäquat unter die Haube zu bringen gilt: Die Figuren aus Jerry Bocks genialem Musical „Anatevka“ sind vor allem arm. Wir befinden uns in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts, mitten im Russischen Kaiserreich, vor allem aber in dem Städtlein „Anatevka“.

Opulente Bilder

Das Musiktheater-Ensemble und Musiktheater-Orchester der Musikschule Delmenhorst um Michael Müller erzählt uns die Geschichte um eine von der Vertreibung bedrohten jiddischen Gemeinde in opulenten Bildern, die der Musikschulleiter großteils schon in den 80er-Jahren entworfen hat – damals wie heute, um uns Zuschauer auf geradezu malerische Weise von einen Ort zu erzählen, an dem die Industrialisierung noch nicht angekommen ist. Zugleich erinnert die Vorstellung damit an den durchaus verbreiteten Naturalismus auf den Opernbühnen der 80er Jahre: Damals hatte die Musikschule „Anatevka“ schon einmal aufgeführt – wohl kaum aber auf dem gleichen Niveau wie dieses Mal.

Tragische Handlung in leichtem Gewand

Der Geist des braven Soldaten Schwejk weht durch das Kleine Haus, wenn Müller in perfektem Böhmisch seinem Milchmann Tevje just jenen Schalk verpasst, der es dem Ensemble in der Folge ermöglicht, der tragischen Handlung das leichte Gewand einer Komödie zu verleihen. Der große Fritz Muliar lässt grüßen.

Wie von selbst

So eingestimmt, gewinnt das Publikum bald das Gefühl, dass in dieser Vorstellung alles wie von selbst liefe. Ein Eindruck, der natürlich täuschen muss. Denn „Anatevka“ mit seinen vielen Chorszenen, den anspruchsvollen Gesangssoli sowie einer mit diversen Stilmitteln spielenden Orchestermusik ist sicherlich kein leichtes Stück. Es aber so daher kommen zu lassen, verdient umso mehr Anerkennung.

Hervorragendes Orchester

Um das Stück mit all seinen Anforderungen bewältigen zu können, hat Müller insbesondere das von Adrian Rusnak schnörkellos geleitete Orchester mit einigen ausgewiesenen Profis verstärkt. Das Ergebnis gibt ihm Recht. Obschon es angesichts einer derartig imponierenden Leistung des gesamten Ensembles unangemessen erscheinen mag, einen Einzelnen hervorzuheben, sei nicht unerwähnt, dass, sich neben Müller auf der Bühne, der sicher auch eine Karriere als Gesangsdarsteller hätte hinlegen können, an diesem Abend ein „heimlicher“ Star im Orchester heraus kristallisierte: die erste Klarinettistin Maika Inoue, deren Klezmer-Soli in wunderbar schwirrendem Ton, zugleich aber blitzsauber in der Intonation den Zuhörer buchstäblich aufhorchen ließen.

Noch fünf weitere Aufführungen

Das Ensemble spielt „Anatevka“ auch am kommenden Freitag, 26., und am Sonntag, 28. Juni, außerdem am Donnerstag, 9., Freitag, Samastag, 10., und Sonntag, 12. Juli, im Kleinen Haus.