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Udo Samel brilliert in Delmenhorst Schwabinger Kunstfund begeistert Theaterbesucher

Von Jasmin Johannsen | 09.12.2017, 14:38 Uhr

Das Schauspiel „Entartete Kunst“ zeichnete am Freitag im Kleinen Haus in Delmenhorst das Psychogramm des Kunstsammlers Cornelius Gurlitt. Die Zuschauer zeigten sich begeistert von dem hervorragenden Ensemble.

Von Kokoschka bis Picasso: Ende 2013 wurde bekannt, dass Cornelius Gurlitt rund 1500 Werke namhafter Künstler in seiner Münchener Wohnung lagerte. Darunter auch NS-Raubkunst. Das Schauspiel „Entartete Kunst – Der Fall Cornelius Gurlitt“ zeichnet die Ereignisse des „Schwabinger Kunstfundes“, wenn auch fiktiv, nach. Am Freitagabend wurde es vor rund 200 Zuschauern im Kleinen Haus aufgeführt.

Ein Renoir im Küchenschrank

Ein dröhnendes Alpenhorn lässt den Boden erzittern, verschneite Berggipfel bilden die Kulisse. Als sich der Vorhang lüftet, sitzt da ein kichernder Cornelius Gurlitt (Udo Samel), der mit seiner Modelleisenbahn spielt. Schon zu Beginn zieht das Stück die Zuschauer in seinen Bann. Die Handlung setzt nach der Kontrolle Gurlitts auf einer Zugfahrt von Zürich nach München ein. Die Zollfahnder schöpfen Verdacht. Kurz darauf besuchen Karl Friedrich (Boris Aljinovic) und Lise Schmidt (Anika Mauer) von der Staatsanwaltschaft die Münchener Wohnung des Kunsterben. Was sie dort vorfinden, ist unglaublich: Da steht ein Renoir neben einem Chagall und im Küchenschrank findet sich ein Beckmann. Es sind Gemälde und Zeichnungen im Wert von über einer Milliarde Euro, die dort auch hinter dem Dosengemüse versteckt sind. Der Vater Hildebrand Gurlitt hatte seinem Sohn die „entartete Kunst“ vermacht.

Schutz für den Vater

„Welches kaputte Hirn kann Kunst als entartet bezeichnen?“, fragt Gurlitt ungläubig und wischt alle Anschuldigungen gegen seien Vater wütend zu Seite. „Er war ein wundervoller Mann“, beteuert der Alte immer wieder. Doch die Frage bleibt: Wie sind die Werke, darunter auch viel Raubkunst, in seinen Besitz gekommen? Verhören dieser Art setzt Gurlitt nur ein „Ich will mit meiner Eisenbahn spielen“ entgegen. Auf Antworten darf man bei diesem zeitweilen naiven Kunsterben nicht hoffen. Stattdessen entfaltet sich das Psychogramm eines Sonderlings, der mit Sätzen wie „Die Bilder sind meine Familie!“ zum traurigen Clown wird.

Wutausbrüche entlarvten den Unsympathen

Udo Samel brillierte als Cornelius Gurlitt. Schon feine Änderungen in seiner Mimik ließen das Publikum mitleidig werden, Wutausbrüche entlarvten dagegen den Unsympathen. Aljinovic, Mauer und nicht zuletzt Ralph Morgenstern in einem kurzen Auftritt als Kunsthändler Andras Weisz boten Samel durch ihre Zurückhaltung eine wunderbare Bühne. Das herausragende Ensemble und der aktuelle Stoff hätten ein volles Haus verdient gehabt. Das zeigte auch die Reaktion des Publikums: Es bedankte sich mit minutenlangen Schlussapplaus und stehenden Ovationen.