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Verdacht bestand schon früh Zeugin belastet Niels H. und Delmenhorster Ärzte

29.01.2015, 07:45 Uhr

Die ehemalige stellvertretende Leiterin der Intensivstation am Klinikum Delmenhorst hat am Donnerstag nicht nur Niels H., sondern auch Delmenhorster Ärzte belastet. Sie habe mehrere Male darauf hingewiesen, dass man dem früheren Krankenpfleger, der sich derzeit vor dem Landgericht Oldenburg wegen dreifachen Mordes und zweifachen Mordversuchs verantworten muss, genauer auf die Finger schauen müsse. Sie sei allerdings nicht ernst genommen und sogar zurechtgewiesen worden. Von Thomas Deeken und Eyke Swarovsky

Der 38-jährige Angeklagte war zwischen Anfang 2003 und Juli 2005 im Klinikum Delmenhorst tätig. Anfangs sei er zuverlässig und immer da gewesen, wenn es einen Notfall gab. An seiner Arbeit habe sie fachlich nichts einzuwenden gehabt, sagte die inzwischen 58-jährige frühere stellvertretende Stationsleiterin. Niels H. sei in Notfällen zwar auch schon mal vorgeprescht, bevor ein Arzt kam. Sie habe aber dann den Eindruck gehabt, die Ärzte wären ganz dankbar gewesen.

Im Laufe der Zeit habe es aber immer mehr Gerüchte, „flapsiges Gerede“, gegeben, dass es wieder viel zu tun gäbe, wenn Niels. H. im Dienst sei. Fehler habe sie ihm aber nicht nachweisen können, sagte die Zeugin. Ihr sei allerdings aufgefallen, dass der Angeklagte seine pflegerische Tätigkeit immer mehr vernachlässigte. „Bei ihm war ständig alles fertig. Und das kann niemand schaffen“. Daraufhin habe sie Ärzte informiert, dass nicht alles rund laufe. Als Antwort habe sie erhalten, sie sei „neidisch auf Niels“, und sei zurechtgewiesen worden.

Konkreter Verdacht einen Monat vor Festnahme

Einen konkreten Verdacht habe es dann etwa einen Monat vor der Festnahme des Angeklagten gegeben. Ein anderer Pfleger hatte laut Zeugin in einem Patientenzimmer, in dem Niels H. tätig gewesen sei, vier leere Ampullen Gilurytmal gefunden. Ein Herzmedikament, das für den Patienten gar nicht vorgesehen sei. Dieses Medikament habe die 58-Jährige erhalten und dem Leiter der Station übergeben. Der habe ihr zu verstehen gegeben, sie sollte sich zurücknehmen, sie würde ihre Kompetenz überschreiten. „Das hat mich sehr geärgert. Zumal ich nur den Dienstweg eingehalten habe.“ Ob ihr Vorgesetzter den Fall weitergegeben habe, wisse sie nicht.

Bei der Anhörung kam die Zeugin auch noch einmal detaillierter auf das Medikament Gilurytmal zu sprechen, das der Angeklagte seinen Opfern gespritzt und so zum Teil tödliche Notfälle ausgelöst haben soll. Das Medikament sei zunächst ein Sondermedikament gewesen, das nur von Ärzten bestellt werden konnte. Später sei es zu einem Listenmedikament umgestuft worden, sodass auch andere Personen die Arznei hätten ordern können. Zumal auch Passwörter zum Zugang der Bestellungen anscheinend weitergegeben sein sollen, wie es gerüchteweise hieß.

Hoher Verbrauch von Gilurytmal

Die 58-Jährige sagte aus, dass es auffällig war, wie der Verbrauch von Gilurytmal anstieg. Der Vorsitzende Richter Sebastian Bührmann präsentierte daraufhin eine Statistik der Polizei, die zeigt, dass der Verbrauch während der Dienstzeit von Niels H. in Delmenhorst um das Vierfache gestiegen war. Es sei jedoch nicht weiter diskutiert worden, sagte die Zeugin. Auch der Verbrauch anderer Medikamente sei gestiegen.

Eine weitere Zeugin bestätigte den guten Eindruck, den anfangs viele von dem Angeklagten hatten. Die heute 60-Jährige arbeitete damals als Ärztin am Klinikum Delmenhorst. „Er war ein kompetenter Pfleger und ist eher positiv aufgefallen. Ich war immer froh, wenn er dabei war“, sagte die Zeugin vor Gericht. Sie habe jedoch gehört, dass H. bei Schwestern und Pflegern nicht sehr beliebt war. Dafür habe er bei Ärzten ein hohes Ansehen genossen.

Gutes Zwischenzeugnis ausgestellt

Anschließend wurde die frühere Direktorin des Pflegedienstes Oldenburg gehört. Auch sie bestätigte gegenüber dem Richter, dass es anfänglich – ab Mitte 1999 – keine Probleme mit Niels H. gegeben habe. Damals habe der Angeklagte auf der herzchirurgischen Intensivstation des Klinikums Oldenburg gearbeitet. Ende 2001 sei er jedoch in den Bereich Anästhesie gewechselt. Rund ein halbes Jahr später habe der Chefarzt dann plötzlich ein „ungutes Gefühl gehabt“, weil der Pfleger überdurchschnittlich oft bei Reanimationen anwesend war. Die Zeugin sagte aus, dass es auch hier keine konkreten Fakten gegeben habe, man sich aber aufgrund dieses „unguten Gefühls“ von dem Angeklagten trennen wollte. Für Ende des Jahres 2002 habe Niels H. einen Auflösungsvertrag unterschrieben und dazu ein gutes Zwischenzeugnis erhalten. Daraufhin hakte der Vorsitzende Richter Bührmann nach, warum von den Vorbehalten nichts im Zeugnis aufgenommen wurde. „Das durfte man damals nicht. Ich konnte arbeitsrechtlich doch nichts Negatives schreiben“, sagte die Zeugin.

Zu Beginn des Prozesstages hatte eine ehemalige Lebensgefährtin ausgesagt. Die 46-jährige Krankenschwester hatte vor mehr als zehn Jahren mit dem Angeklagten zusammengearbeitet. Während dieser Zeit sollen die beiden auch eine intime Beziehung geführt haben. Bereits in der vergangenen Woche wurde der Antrag eingereicht, die Öffentlichkeit während der Aussage der Zeugin auszuschließen. Dem kam das Gericht nach. Als Begründung wurde genannt, dass es bei der Zeugenaussage um sehr persönliche Lebensbereiche gehe. Außerdem solle geklärt werden, wie eng die Beziehung zwischen der Krankenschwester und Niels H. wirklich war. Hier stehe das Persönlichkeitsrecht der Zeugin im Vordergrund.

Angeklagt ist der ehemalige Krankenpfleger wegen dreifachen Mordes und zweifachen Mordversuchs im Klinikum Delmenhorst. Gegenüber einem psychiatrischen Gutachter hatte er außerdem eingeräumt, für insgesamt 30 Todesfälle in Delmenhorst verantwortlich zu sein. In 60 weiteren Fällen habe es Tötungsversuche gegeben. An anderen Arbeitsstätten will der Angeklagte eigenen Angaben zufolge keinen Patienten Schaden zugefügt haben. Insgesamt wird in mehr als 200 Fällen ermittelt.

Der Prozess wird am 5. Februar mit der letzten Zeugenvernehmung und der Vorlage des schriftlichen Gutachtens von Psychiater Dr. Konstantin Karyofilis fortgesetzt. Am 12. Februar will der Richter den Angeklagten direkt befragen.