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Verhandlung am Amtsgericht Verwirrspiel um Diebstahl und Hehlerei in Delmenhorst

Von Marco Julius | 13.10.2016, 19:54 Uhr

Vor dem Amtsgericht Delmenhorst ist am Donnerstag ein Fall verhandelt worden, der viel Fragwürdiges und Dubioses ans Licht brachte, aber am Ende des Verhandlungstages noch viele Fragen offenließ.

Dicke Autos mit schnell wechselnden Besitzern, kurze Bekanntschaften über Dating-Apps, Gutachten und Versicherungsbetrug, Einblicke in die Welt der Hehler, zwei Zeugen, die sich plötzlich schweren Vorwürfen gegenübersahen: Vor dem Amtsgericht Delmenhorst ist am Donnerstag ein Fall verhandelt worden, der viel Fragwürdiges und Dubioses ans Licht brachte, aber am Ende des Verhandlungstages noch viel Fragen offenließ.

Schnelles Ende der Verhandlung scheitert

Weil er die zusätzlich zur einjährigen, auf drei Jahre zur Bewährung ausgesetzte Strafe zu zahlende Auflage von 10.000 Euro in zehn oder 20 Monatsraten beim besten Willen nicht zahlen könne, hat ein 30 Jahre alter Bremer am Donnerstag den vom Richter Holger Jurisch vorgeschlagenen Deal in den Wind geschlagen. Zuvor hatte sich die rund fünfstündige Verhandlung in eine Richtung entwickelt, die zuvor nicht absehbar war.

Der Angeklagte hatte eingangs zugegeben, an einem gemeinschaftlichen Betrug beteiligt gewesen zu sein. Laut ursprünglicher Anklage soll er entweder in eine Wohnung an der Cramerstraße eingebrochen sein und dabei unter anderem die Autoschlüssel für einen hochwertigen BMW und den BMW gleich mit gestohlen haben, um ihn mit gefälschten Papieren weiterzuverkaufen oder aber, er soll das geklaute Auto vom eigentlichen Dieb nach dem Einbruch übernommen und dann damit gehehlt haben. Der Angeklagte aber gab an, den Einbruch habe es nie gegeben, einen Eindruck, den schon die Polizei in Ansätzen gewonnen hatte. Es könnte sich laut Gericht somit um ein „vorgetäuschtes Homejacking“ handeln.

Erlös aus Verkauf soll geteilt worden sein

Das vermeintliche Opfer, so gab es der Angeklagte über seinen Anwalt an, stecke in der Sache mit drin, um über einen Versicherungsbetrug an Geld zu kommen. Der Angeklagte habe für die Abwicklung des Verkaufs 4000 Euro erhalten, das restliche Geld habe das vermeintliche Opfer mit einem Freund und/oder dessen Schwester geteilt. Besonders dubios: Der Verkauf des Wagens samt Probefahrt ging unmittelbar am vermeintlichen Tatort über die Bühne. Gegen den Angeklagten laufen derzeit in Bremen Ermittlungen aufgrund ähnlicher Fälle.

Erhebliche Erinnerungslücken

Das vermeintliche Opfer des Autodiebstahls und ein weiterer Freund, der als Zeuge geladen war, beide Angehörige der Bundeswehr, bestritten dies und bleiben bei der Einbruchsversion. Dabei wiesen beide deutliche Erinnerungslücken auf, verstrickten sich in Ungereimtheiten und merkwürdige Zufälle, die beim Gericht erhebliche Zweifel an der Version aufkommen ließen. Der Richter machte dabei mehrfach klar, welche Folgen Falschaussagen vor Gericht haben können. Die Unwahrheit und zusätzlich die Vortäuschung einer Straftat oder die Verschaffung eines falschen Alibis: „Wenn so etwas ans Licht käme, sind sie die längste Zeit Soldat gewesen.“

Dubiose Rolle eines Geschwisterpaares

Den Versuch der Verteidigung, mit einem Rechtsgespräch unter den Prozessbeteiligten das Verfahren abzukürzen, nahm das Gericht auf, eine Einigung gab es aber nicht, so dass jetzt die dubiose Rolle des Geschwisterpaares, beide Anfang 30, geklärt werden soll. Die beiden tauchen immer wieder als Halter und Verkäufer von Fahrzeugen auf. Zusätzlichen zu den Geschwistern soll eine weitere Zeugin gehört werden.

„Lieblingsfall des Jahres“

Richter Jurisch erklärte das Verfahren zwischenzeitlich zu seinem „Lieblingsfall des Jahres“, weil immer mehr erstaunliche Details ans Licht kamen. Unter anderem stammen die genutzten gefälschten Papiere aus einem Raub aus dem Jahr 2008, als in Bremen 1200 Blankopapiere für die Zulassungsbescheinigung Teil 2 (Fahrzeugbrief) gestohlen wurden. Die Verhandlung am Amtsgericht wird am 27. Oktober und 10. November fortgesetzt.