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Versorgungsengpass bei Substitution Ärzte in Delmenhorst dringend gesucht

Von Marco Julius | 29.06.2016, 19:51 Uhr

Evelyn Popp, Leiterin der Anonymen Drogenberatung Delmenhorst, ist besorgt: Die Zahl der substituierenden Ärzte sinkt. Ein Versorgungsengpass bei der Behandlung von Abhängigen droht.

Lange Zeit war Delmenhorst gut aufgestellt, was die medizinische Versorgung von Schwerstabhängigen mit „Ersatzdrogen“ anging. Die Substitution, so lautet der Fachbegriff für die Behandlung Opiatabhängiger (zumeist Heroin) etwa mit Methadon, teilten sich in der Spitze bis zu sieben Arztpraxen in der Stadt. Doch seit geraumer Zeit schon weist Evelyn Popp, Leiterin der Anonymen Drogenberatung Delmenhorst (drob), darauf hin, dass ein erheblicher Versorgungsengpass droht. „Es besteht jetzt eindeutig Handlungsbedarf“, macht sie deutlich und verrichtet bereits viel Lobbyarbeit. Derzeit seien es nur noch vier Delmenhorster Praxen, die Abhängige vor Ort versorgen, eine davon werde in Kürze noch schließen, weil der behandelnde Arzt in den Ruhestand wechselt.

Der Trend sei bundesweit zu beobachten. „In Deutschland liegt der Altersdurchschnitt substituierender Ärzte bei 58 Jahren, viele von ihnen, die seit über 20 Jahren aktiv in der Substitution waren, werden also bald in den Ruhestand wechseln. Junge Ärzte stürzen sich leider nicht gerade mit Begeisterung auf diese wichtige Arbeit“, berichtet Popp. Das bedeute in der Konsequenz, dass immer mehr Patienten auf einen Arzt kommen werden, auch in Delmenhorst.

Rund 140 Patienten werden versorgt

Die Zahl der Substituierten in Delmenhorst liegt seit 2012 relativ konstant bei rund 140, die Nationalitäten sind dabei bunt gemischt. Im Jahr 2004 waren es „nur“ 105 Patienten.

„Wir müssen die Versorgung auch künftig sicherstellen“, betont Popp, die klarmacht, dass die Substitutionstherapie eine anerkannte und erwiesenermaßen erfolgreiche Form der Behandlung sei. Sie macht aber auch deutlich, dass es Suchterkrankungen gibt, die so schwerwiegend seien, dass die Substitution lebenslang notwendig sei. Die gute medizinische Versorgung und die Abgabe von „Ersatzdrogen“ habe – neben dem Fakt, dass die Beschaffungskriminalität wegfalle – positiv zur Folge, dass die Patienten eine deutlich höhere Lebenserwartung haben, was oft wiederum eine anspruchsvolle und zeitintensive Behandlung bedeute, gerade weil bei Langzeitabhängigen eine vorzeitige Alterung einhergehe mit vielen weiteren Erkrankungen. „Ab 50 verstärkt sich das noch einmal“, weiß die Expertin.

Patienten werden älter

„Es gibt bei der Behandlung der abhängigen Patienten immer wieder Krisen“, sagt Popp. Ein erheblicher Teil der 140 Substituierten sei zwischen 35 und 50 Jahre alt. Aber auch über 60-jährige Patienten gebe es. Bei den Jungen sei die Substitution nur der letzte Ausweg, da würden andere Therapien ausprobiert, um eine vollkommene Abstinenz zu erreichen.

Bei der Substitution gebe es aber auch immer wieder Erfolge. Einige Substituierte seien in Beruf und Familie bestens integriert. „Wer gut mit Medikamenten eingestellt ist, hat einen geringeren Opiathunger“, sagt Popp. Manchmal sei das, auch wenn der Vergleich etwas hinke, wie bei Diabetikern, die gut eingestellt den Umständen entsprechend sorgenfrei leben könnten.

Schwerpunktpraxis denkbar

Die Mediziner trügen bei der Substitution die Hauptverantwortung, die drob begleite die Patienten auf der psychosozialen Ebene. Aktuell ist die drob-Leiterin in – wie sie sagt: guten – Gesprächen mit der Stadt Delmenhorst und Ärzten, um auszuloten, wie künftig eine angemessene Versorgung sichergestellt werden kann. Für sie ist es wichtig, dass Substitution in Delmenhorst möglich ist. „Wir sollten unsere Patienten hier versorgen. Für die Betroffenen wäre es zusätzlicher Stress, wenn sie nach Oldenburg oder Bremen fahren müssten. Dort kämen sie vielleicht sogar wieder in Kontakt zur Szene“, befürchtet die drob-Leiterin. Ihre Hoffnung ist, dass sich weitere Ärzte bereit erklären, Patienten zu versorgen. „Je mehr Ärzte, desto geringer wäre die Belastung für jeden einzelnen Arzt“, sagt Popp. „Substitution muss man als Arzt wirklich wollen, es muss ein Interesse für die Patienten da sein, das über die Abbuchungsziffer hinausgeht“, betont sie. Alternativ wäre auch eine Schwerpunktpraxis denkbar, so wie es in Bremen gehandhabt werde. Die könnte sich auf die Betreuung der Substituierten spezialisieren. So oder so: Popp wird weiter für eine schnelle und gute Lösung werben.