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Viel zu tun für Jugendmigrationsdienst Weniger Hilfsangebote für junge Zuwanderer in Delmenhorst

Von Sonia Voigt | 20.11.2018, 19:45 Uhr

Die Palette der Unterstützungsmöglichkeiten für Neuzugewanderte in der Stadt wird um einiges ärmer, besonders was junge Migranten angeht. Der Jugendmigrationsdienst erwartet daher einen Ansturm.

Sie sind jung, oft noch nicht lange in Deutschland und brauchen Hilfe, um in Delmenhorst Fuß zu fassen, in Alltag, Schule oder Beruf: Seit seinem Start 2015 betreut der Jugendmigrationsdienst Delmenhorst (JMD) jedes Jahr mehr Jugendliche und junge Erwachsene. 2019 könnte die Zahl der Ratsuchenden nochmals deutlich ansteigen. Denn gleich mehrere Hilfsprojekte, von denen auch oder ausschließlich junge Zuwanderer profitieren, laufen zum Jahresende aus. „Das wird ein Bruch“, erwartet Serap Oflazoglu, kommissarische Leiterin der wegfallenden Kausa-Servicestelle, denn der Beratungsbedarf sei da und nicht wegzudiskutieren. „Und wir müssen für ausführliche Beratungsgespräche schon jetzt auf Januar vertrösten“, sagt JMD-Beraterin Stephanie Alkoyun.

Hilfe bei mühsamer Anerkennung von Zeugnissen

Die jüngsten Migranten, die zu ihr kommen, sind zwölf Jahre alt, viel stärker vertreten sind aber junge Erwachsene bis 26 Jahre. „Schüler erhalten bereits viel Hilfe von Lehrern und Schulsozialarbeitern“, beobachtet Alkoyun. Stark gefragt ist ihr Rat hingegen am Übergang von der Schule in den Beruf und vor allem bei frisch zugewanderten jungen Männern aus Syrien, Afghanistan oder dem Irak und Iran. „Es kommen aber auch junge Frauen und Leute mit türkischem oder russischen Migrationshintergrund“, erklärt die Sozialarbeiterin und Erziehungswissenschaftlerin. Die meisten ohne Deutschkenntnisse haben ihren Weg in einen Sprachkurs schon gefunden, aber danach stellt sich die Frage der beruflichen Orientierung. Das Ausbildungssystem erklären, bei der mühsamen Anerkennung von Schul- und Berufszeugnissen helfen, Praktikumsplätze suchen, Bewerbungen schreiben, aber auch unverständliche Asylbescheide übersetzen: Die Hilfestellungen, die Stephanie Alkoyun und seit Monatsanfang auch ihr Kollege Oliver Hoyer beim JMD geben, sind vielfältig.

Neue Kraft für Arbeit mit jungen Migranten an Schulen

Und die Zeit ist knapp: Alkoyun hat nur eine halbe Stelle, Hoyer arbeitet zwar in Vollzeit, soll sich aber zu 85 Prozent um das für Delmenhorst neue Projekt „Respekt Coaches – JMD an Schulen“ kümmern, bei dem es darum geht, Respektlosigkeit, Mobbing und Radikalisierung entgegenzuwirken. 70 junge Migranten hatte der JMD in seinem ersten Jahr 2016 beraten, 124 waren es 2017 und dieses Jahr sind es schon Anfang November 120 Beratene. Finanziert wird das beim Diakonischen Werk Delmenhorst/ Oldenburg-Land angesiedelte Angebot über Bundesmittel, mit Unterstützung der Stadt. „Dass wir uns eine weitere Aufstockung der Stunden wünschen, ist bekannt“, sagt Stephanie Alkoyun. Und der Wunsch wird drängender, wenn jetzt andere Hilfsangebote für Zuwanderer wegfallen.

Awo und Diakonie fordern Ausgleich für Kürzungen

Neben der ebenfalls mit jungen Migranten arbeitenden Kausa-Servicestelle läuft auch ein Projekt für Neuzugewanderte aus Osteuropa von Diakonie und Arbeiterwohlfahrt (Awo) aus, das der Europäische Hilfsfonds für die am stärksten benachteiligten Personen (Ehap) finanzierte. Während die Diakonie sich auf die erwachsenen EU-Zuwanderer konzentriert, ebnet die Awo Kindern und ihren Eltern den Weg zur frühkindlichen Bildung, etwa in Krippen und Kitas – aber nur noch bis zum Jahresende. Zudem wird die Zahl der bei der Awo beschäftigten, aus Stadt- und Landesmitteln bezahlten Integrationsassistenten reduziert. „Natürlich entsteht da eine Lücke“, bekräftigt Awo-Geschäftsführerin Doris Fuhrmann. In einer gemeinsamen Stellungnahme fordern Awo und Diakonie die Stadt auf, die Nachbarschaftsbüros in den vier „Ankommensstadtteilen“ Düsternort, Wollepark, Hasport und Deichhorst mit je einer zusätzlichen Stelle für die Arbeit mit Zuwanderern auszustatten. „Sonst sind wir dem Ansturm nicht gewachsen“, betont Fuhrmann.

Stadt sieht keine Chance, Lücke zu stopfen

Die Einsicht, dass eine Lücke gerissen wird, die bestehende Beratungsangebote nicht schließen können, gibt es auch in der Stadtverwaltung. Hoffnung auf Ersatz macht der zuständige Fachbereichsleiter Rudolf Mattern dennoch nicht: „Derzeit sind aus finanziellen Gründen keine neuen Beratungsangebote in diesem Kontext geplant.“