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Volkstrauertag in Delmenhorst Stadtarchivar Christoph Brunken betont Aktualität

Von Marco Julius | 18.11.2018, 17:55 Uhr

Mit einer Kranzniederlegung und einer Gedenkstunde ist der Opfer von Krieg und Gewalt gedacht worden. Warum das mehr ist als ein Blick zurück, verdeutlichte Stadtarchivar Christoph Brunken.

100 Jahre nach dem Ende des Ersten Weltkrieges hat die Gedenkstunde zum Volkstrauertag in der Markthalle am gestrigen Sonntag gezeigt, dass der Volkstrauertag nicht nur ein ritualisierter Blick in die Geschichte sein muss. Stadtarchivar Christoph Brunken hat in seinem Gastbeitrag eindrucksvoll Geschichte und Gegenwart zusammengeführt.

Gegen Geschichtsvergessenheit

„Ein Tag wie dieser möge Zeit und Moment sein, die Geschichtsvergessenheit, die Relativierung durch Populismus in aktuellen Debatten, als völlig inakzeptabel zu betrachten“, sagte Brunken. Und er machte die Botschaft des Volkstrauertages deutlich: „Das Vermächtnis der Gefallenen und Opfer liegt nicht nur im Gedenken oder der Erinnerung, sondern auch in der gegenwärtigen Bewahrung des Friedens für die Zukunft. Das möge unser Auftrag sein. Um der Toten willen – und um unserer Kinder willen.“

Brunken umriss in seinem kenntnisreichen Vortrag nicht nur die verheerende Geschichte von Krieg und Gewalt vom Dreißigjährigen Krieg (1618-1648) bis in die Jetztzeit, er richtete seinen Blick auch ganz besonders auf Delmenhorst in der Zeit des Ersten Weltkrieges. „Tod, Verstümmelung, Krankheit, Not, Hunger, Trauma an der Front, aber auch an der Heimatfront richteten Europa fast zugrunde. Auch in Delmenhorst sollten die Folgen spürbar werden“, sagte der Archivar. „Brot und anderes wurde gestreckt, Lebensmittelkarten zugeteilt, die Steckrübe wurde zum verhassten Symbol der hungrigen Zivilbevölkerung, sie gab es auch als Marmeladenaufstrich. Sogenannte Butterjagden fanden statt, die Brennnessel wurde zum Tee- und Kaffee-Ersatz.“

Über 55 Millionen Tote im Zweiten Weltkrieg

Brunken erinnerte daran, dass das Ende des Ersten Weltkrieges in Deutschland auch das Ende der Monarchie und der Beginn der Demokratisierung war. Er verdeutlichte aber auch, dass die Schrecken des Ersten Weltkrieges nicht zu dauerhaftem Frieden führten, sondern zu einem noch größeren Krieg. „Vergessen wir nicht die über 55 Millionen Menschen, die im Zweiten Weltkrieg ihr Leben lassen mussten. Vergessen wir nicht die Soldaten, die von einem verbrecherischen und größenwahnsinnigen Regime sinnlos geopfert wurden.“

Oberbürgermeister Axel Jahnz verdeutlichte die „unfassbaren Zahlen“. „Hätte man für jeden Toten des Ersten Weltkriegs eine Schweigeminute abgehalten, hätte das Schweigen 32 Jahre gedauert. Für die Toten des Zweiten Weltkrieges hätte das Schweigen länger als ein Jahrhundert dauern müssen“, sagte Jahnz.

Totengedenken und Musik

Bürgermeister Hermann Thölstedt sprach in der Gedenkstunde, die sich der Kranzniederlegung am Ehrenmal anschloss, das Totengedenken. Den musikalischen Rahmen steuerte der Posaunenchor des ev.-luth. Kirchenverbandes Delmenhorst unter der Leitung von Holger Heinrich bei.