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„Vollkommene Echtheit gibt es nicht“ Vortrag über die Macht der Fotografie in Delmenhorst

Von Frederik Grabbe | 13.12.2016, 14:32 Uhr

Leid, Schrecken, Krieg: Im Sommer 2016 ging das Foto des kleinen Omran, aufgenommen im syrischen Bürgerkrieg, um die Welt. Über die symbolische Kraft des Bildes und über die vermeintliche Unschuld von journalistischer Fotografie sprach nun im HWK die Kunsthistorikerin Karen Fromm.

Es gibt Bilder in der journalistischen Berichterstattung, die lassen einen nicht mehr los. Das Bild des kleinen Omran ist so eines. Im Sommer 2016 ging das Foto aus dem syrischen Bürgerkrieg durch die Gazetten, das den Vierjährigen zeigt, wie er staubbedeckt und blutverschmiert in einem Rettungswagen sitzt. Es symbolisiert den Schrecken des Krieges. Doch ist das alles? Über die politische und geschichtliche Macht der Bilder sprach am Montagabend auf Einladung der Delmenhorster Universitäts-Gesellschaft die Kunsthistorikerin Prof. Dr. Karen Fromm im Hanse-Wissenschaftskolleg. Ihr Ziel war es, den rund 90 Zuhörern „den Glauben an die Unschuld der Bilder“ zu nehmen.

Und um dies zu erreichen, bediente sich Fromm unter anderem folgender Beispiele:

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  • Das Bild des kleinen Omran im Krankenwagen aus dem syrischen Bürgerkrieg. „Das Bild des Jungen stand überall auf der Welt im Fokus. Es bebildert den Schrecken des Krieges, löst ein Höchstmaß an Empathie aus und führt den Betrachter ans Leid des Kindes heran.“ Die Aufnahme trage eine immense Symbolkraft in sich, gerade weil es aus der Perspektive eines möglichen Helfers aufgenommen wurde, der doch nicht helfen kann.
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  • Einen ähnlichen Effekt rufe die Aufnahme des AP-Fotografen Nick Ut hervor , der im Vietnamkrieg 1972 das Bild von flüchtenden Kindern nach einem Luftangriff schoss, darunter ein nacktes, furchterfülltes Mädchen. „Das Bild avancierte zur ikonografischen Darstellung des Kriegsleids und wurde zum Symbol der Anti-Kriegsbewegung.“

Schock erzeugt tiefemotionale Ergriffenheit – und wirkt darum echt

Beide Bilder hätten gemein, so Fromm, dass sie den Betrachter „schocken“ und so eine tiefemotionale Ergriffenheit verursachen. „Das Leid der Kinder auf den Bildern scheint unmittelbar, also wirkt es authentisch.“ Jedoch werden beide Bilder gerade durch ihre Symbolhaftigkeit herausgelöst aus Historie und Kontext. Und sind somit „nicht vollkommen authentisch“.

Bilder regulieren Inhalte Ikonografie des Kriegsleids, aber herausgelöst aus dem historischen Kontext: Nick Úts Foto nach einem Luftangriff in Vietnam 1972. Foto: Nick Út/AP

So sei das Bild des Napalm-Mädchens aufgenommen worden, als die USA Truppen abzogen und als Aggressor keine direkte Beteiligung im Luftangriff hatten. Und das Foto des syrischen Jungen stamme nicht aus einer objektiven Quelle, sondern von der oppositionellen syrischen Aktivistengruppe Aleppo Media Center (AMC), die sich gegen das Assad-Regime stellt. „Hier werden die Menschenrechtsverbrechen Assads gezeigt. Nicht die der Opposition“, so Fromm. Darum sei eine Veröffentlichung eine „Regulierung von Inhalten“, eine „Spielart des politischen Handelns“. Vollkommene Echtheit, sagte die Professorin frei von jeder Wertung, gebe es nicht im Bildjournalismus.