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Von Freundlichkeit „übermannt“ Kriegsgefangener Delmenhorster vermacht Schotten kleines Vermögen

Von Frederik Grabbe | 04.12.2016, 15:51 Uhr

Nach ungefähr 70 Jahren schließt sich im schottischen Dorf Comrie eine ungewöhnliche Geschichte: Die „älteren“ Einwohner des Dorfes kommen in den Genuss einer Erbschaft von 384.000 Pfund (458.000 Euro), die ihnen von dem früheren Waffen-SS-Mann Heinrich Steinmeyer aus Delmenhorst vermacht wurde, wie britische Medien am Samstag berichteten.

Steinmeyer, der 2013 mit 90 Jahren gestorben war, vermacht den Schotten sein kleines Vermögen, um sich für ihre „Freundlichkeit und Großzügigkeit“ während seiner Zeit als Kriegsgefangener Ende des Zweiten Weltkriegs zu bedanken. Steinmeyer wurde gegen Ende des Krieges, als er gerade 19 Jahre alt war, in Frankreich gefangen genommen und von dort in das Kriegsgefangenenlager Cultybraggan bei Comrie gebracht. „Während der gesamten Gefangenschaft war Heinrich Steinmeyer erstaunt über die Freundlichkeit, die die Schotten ihm entgegenbrachten“, sagte Andrew Reid vom Comrie-Entwicklungsfonds, der das Erbe verwaltet.

Kehrte nach Freilassung immer wieder zurück

Nach dem Krieg war Steinmeyer eine ganze Zeit in Schottland geblieben, der gebürtige Schlesier ließ sich dann 1956 in Delmenhorst nieder und kehrte später wiederholt zu Besuchen zurück. Der Erlös von Steinmeyers Haus in Delmenhorst und anderen Besitztümern soll nun nach den Beschlüssen der örtlichen Gemeinschaft für die älteren Bewohner Comries ausgegeben werden.

Am Maschendrahtzaun angefreundet

Den Überlieferungen zufolge war es so, dass sich der Gefangene Steinmeyer und die Jugend des Dorfes bei Gesprächen am Maschendrahtzaun des Lagers anfreundeten. „Sie hörten, dass Heinrich noch nie einen Film gesehen hatte“, sagte George Carson, der die Geschehnisse von der Elterngeneration geschildert bekam. „Sie holten ihn aus dem Lager und brachten ihn ins Kino – er war von der Erfahrung völlig übermannt.“

Kriegsgefangenschaft wie ein Urlaub

Dies schilderte Steinmeyer 2009 auch gegenüber dem dk. „Die haben uns nie als Feinde behandelt, wir haben uns aber auch immer gut benommen.“ Gerne schwelgte der Rentner in Erinnerungen an die Schotten. Die Menschen dort seien ohne Berührungsängste und hätten ihn, ohne eine Gegenleistung zu erwarten, zum Fußball oder den Highlandgames eingeladen. Er verglich die schottische Kriegsgefangenschaft mit einem Urlaub, so der damals 85-Jährige. Bis ins hohe Alter schickte er Bekannten zu Weihnachten pralle Schokoladenpakete auf die Insel – weil die schottische Schokolade so schrecklich schmeckte.

2009 erzählte er auch von seinem Plan, sein Haus zum Wohle der Älteren in Comrie verkaufen zu wollen. Vor sieben Jahren belief sich der Schätzwert auf sein Haus noch auf 175.000 Euro.

 (Mit AFP)