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Vor 25 Jahren: Protest in Lemwerder Mit Kampfesmut gegen massenhaften Jobverlust bei Airbus

Von Dirk Hamm | 25.10.2018, 09:08 Uhr

Die Nachricht, das Airbus-Werk in Lemwerder werde geschlossen, sorgte vor 25 Jahren für Entsetzen in der Region. Nach zähem Kampf konnten Hunderte Arbeitsplätze erhalten werden.

Die Nachricht schlägt ein wie eine Bombe: Das Airbus-Flugzeugwerk in Lemwerder wird geschlossen, beinahe 1200 Mitarbeiter verlieren ihren Job. Erste Meldungen in Rundfunk und Fernsehen haben das drohende Unheil bereits angekündigt, am 20. Oktober 1993 erhält der Betriebsrat in einem Gespräch mit einem Vertreter der Geschäftsleitung die traurige Gewissheit: Lemwerder gehört zu den sechs Standorten, die der Mutterkonzern, die Deutsche Aerospace AG (DASA), bis Ende 1996 auflösen wird. Gut 10.000 der 80.000 DASA-Arbeitsplätze in Deutschland sollen bei dieser Schrumpfkur wegfallen.

Viele Delmenhorster und Ganderkeseer betroffen

Eine ganze Region zitterte vor 25 Jahren um ihre wirtschaftliche Zukunft, zu viele Arbeitsplätze hingen in der Wesermarsch-Gemeinde und im weiteren Umland von der Wartung von zivilen und militärischen Großflugzeugen bei Airbus ab. Alleine in Delmenhorst und Ganderkesee mussten rund 400 Beschäftigte den drohenden Verlust des Arbeitsplatzes verdauen.

„Wie kriege ich die Familie satt? Wie kann ich das Haus abbezahlen?“ Existenzielle Fragen wie diese stellten sich plötzlich mehr als Tausend Menschen samt ihrer Angehörigen. Rolf Tobis hat bewegende Momente vor Augen, wenn er ein Vierteljahrhundert danach auf die Ausnahmesituation von damals zurückblickt: „Es war sehr emotional, ich habe Menschen weinen gesehen.“

Mit Schließung nicht gerechnet

Der Ganderkeseer, der als dk-Sportfotograf auf den hiesigen Sportplätzen unterwegs ist, hat 39 Jahre bei Airbus gearbeitet. Und gehörte 1993 zu den wenigen Glücklichen unter den in Lemwerder gegen die Werksschließung Demonstrierenden: Tobis war Jahre zuvor als Kunststofftechniker im Entwicklungslabor und dann als abteilungsinterner Fotograf zum Airbus-Standort in Bremen gewechselt. Für das IG-Metall-Mitglied war es selbstverständlich, Solidarität mit den vom Jobverlust bedrohten Kollegen aus Lemwerder zu üben und bei den Demonstrationen mitzumarschieren.

Der Schock war umso größer, als mit einer Schließung des Airbus-Werks nicht gerechnet wurde, erinnert sich der damalige Lemwerderaner Bürgermeister Hans-Joachim Beckmann: „Es ging dem Flugzeugbau zwar nicht gut. Aber Lemwerder galt als außen vor.“

Ideenreicher Arbeitskampf

Unmittelbar nach der Verkündung der Hiobsbotschaft begann der zähe Kampf von Beschäftigten, Betriebsrat und Gewerkschaftern um den Erhalt des Airbus-Werks. Am Abend des 21. Oktober 1993 versammelten sich rund 3500 Menschen zu einer Kundgebung, das NDR-Fernsehen berichtete live.

Fast ein Jahr habe der Arbeitskampf gedauert, erinnert sich Beckmann, „mit unheimlich vielen Aktionen, wir hatten viele Ideen“. So wurden etwa wenige Tage später 45000 Flugblätter aus einem Sportflugzeug über der Bremer Innenstadt abgeworfen. Groß war die Unterstützung aus der Bevölkerung und seitens der Politiker sowie der Kirchen. Der niedersächsische Ministerpräsident und spätere Bundeskanzler Gerhard Schröder bemühte sich in Gesprächen mit der DASA um eine Lösung, mit der sich möglichst viele Arbeitsplätze erhalten ließen.

700 Arbeitsplätze gerettet

Auch in Delmenhorst war angesichts der vielen Arbeitnehmer, die jeden Tag nach Lemwerder pendelten, das Entsetzen über die Entwicklung in der Wesermarsch groß. Oberbürgermeister Jürgen Thölke und weitere führende Politiker aus der Delmestadt fuhren nach Lemwerder, um die Demonstrierenden zu unterstützen.

Letzten Endes war der öffentliche Druck zum großen Teil erfolgreich, resümiert Hans-Joachim Beckmann. Viele Airbus-Mitarbeiter haben sich schon bald mit Erfolg an anderen Standorten des Unternehmens beworben. Und für rund 700 Beschäftigte ging es doch noch in Lemwerder weiter: Nach zähen Verhandlungen wurde die Übernahme der zivilen Flugzeugwartung durch das Land Niedersachsen, als ALS Aircraft Services Lemwerder, vereinbart. Im September 1994 war der spektakuläre Arbeitskampf beendet.