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Vor 45 Jahren: Orkan „Quimburga“ Entfesselte Naturgewalt richtete schwere Schäden an

Von Sönke Ehmen | 11.11.2017, 11:59 Uhr

Mit „Quimburgas“ Kraft hatte keiner gerechnet. Innerhalb weniger Stunden hinterließ der Orkan in den Morgenstunden des 13. Novembers 1972 eine Schneise der Verwüstung.

Mit Spitzengeschwindigkeiten von annähernd 200 Kilometern pro Stunde war er ab 8 Uhr über Norddeutschland hinweggefegt und hatte dabei alles mitgerissen, was ihm im Wege stand. Bei Polizei und Feuerwehr standen bald die Telefone nicht mehr still. So löste Delmenhorsts Oberstadtdirektor Jürgen Mehrtens denn auch bereits um 9.20 Uhr Katastrophenalarm aus, nachdem in kürzester Zeit über 300 Schadensmeldungen eingegangen waren.

Sämtliche Ausfallstraßen gesperrt

Ab 10 Uhr mussten im Stadtgebiet sämtliche Ausfallstraßen gesperrt werden, da der Orkan selbst alte Eichen nahezu spielend entwurzelt hatte. Auf der B75 zwischen Delmenhorst und Oldenburg bildeten umgestürzte Bäume auf 1000 Metern ein unüberwindliches Hindernis. Gleiches galt für die Autobahnen, fast alle wichtigen Nord-Süd-Verbindungen wurden gesperrt. Auch bei der Bundesbahn hieß es bald: „Nichts geht mehr.“

Schäden an fast jedem zweiten Haus

Ein Großaufgebot von Feuerwehr, Technischem Hilfswerk und Bundeswehr mühte sich unter Einsatz von schwerem Gerät, die wichtigsten Verkehrsstraßen wieder freizubekommen. Oft wussten die Einsatzkräfte nicht, wo sie anfangen sollten, denn das Bild, das sich ihnen bot, erinnerte viele der Älteren unter ihnen an eine Kriegslandschaft. Fast jedes zweite Haus wies Schäden auf, Dachgiebel und ganze Häuserfronten waren niedergestürzt, entwurzelte Bäume versperrten Straßen, in Gräben lagen Autos, abgeknickte Verkehrsschilder säumten die Landschaft.

Notstromaggregate mussten aushelfen

Und als sei dies alles noch nicht genug, so sorgte ein Kurzschluss im NWK-Kraftwerk Farge für einen Stromausfall im gesamten Weser-Ems-Gebiet. Für eine weitere Verschlimmerung sorgten Beschädigungen an den Freileitungen. Ab 10 Uhr stand die Energieversorgung in Delmenhorst vor dem Aus. Mithilfe der Notstromaggregate der Bundeswehr und einer Stromzufuhr aus der Kraftzentrale der DLW konnte zumindest eine Grundversorgung gewährleistet werden. Seit der schweren Sturmflut von 1962 hatte es in Norddeutschland ein solches Wüten der Natur nicht mehr gegeben.

Lob für „selbstlosen Einsatz“ der Helfer

Beim Textilhaus Leffers stürzte die gesamte Dachverkleidung auf die Lange Straße hinunter, es grenzte an ein Wunder, dass hierbei niemand zu Schaden kam. Ein ganz ähnliches Schicksal erlitt die St.-Marien-Kirche, bei der zwei zehn Meter hohe Fenster durch die Kraft des Sturmes eingedrückt wurden.

Am Abend zog der Einsatzstab unter Führung von Oberstadtdirektor Mehrtens ein erstes Resümee: „Der selbstlose Einsatz der Helfer, der Verbände, der Behörden und der Bundeswehr war vorbildlich, die Disziplin der Bevölkerung ließ in vielen Fällen zu wünschen übrig“, was vor allem getroffene Absperrmaßnahmen betraf.

Zahllose Bäume knickten um

Das ganze Ausmaß der Schäden wurde erst am darauffolgenden Tag sichtbar. Entsetzt zeigte sich Gartenbauamtsleiter Schuff-Werner: „Der Wald in Hasport ist zu 70 Prozent zerstört, der Wollepark hat zu 70 und 80 Prozent seine erhaltenswerten Bäume verloren, der Friedhof in Bungerhof sieht aus wie eine Kriegslandschaft nach einem Trommelfeuer und hat ebenfalls 70 Prozent seines Baumbestandes völlig eingebüßt.“

Lücken im Wald noch Jahre später sichtbar

Was sich in Delmenhorst ereignet hatte, traf ebenfalls auf weite Teile des Nordwestens zu. Rund ein Zehntel des Baumbestands in den niedersächsischen Wäldern wurde vom Sturm zu Boden gerissen, etwa 50 Millionen Bäume. Ganze Wälder starben damals. An manchen Stellen sah es aus, als „wenn die Luftdruckwelle einer Atombombenexplosion durch sie hindurchgegangen wäre“, beschrieben es Forstarbeiter. Noch Jahre später konnten Spaziergänger auf der Großen Höhe die Lücken erkennen, welche „Quimburga“ geschlagen hatte.

Am schlimmsten aber waren die menschlichen Folgen. Mindestens 63 Menschen kamen im Verlauf des Orkans ums Leben, davon allein 33 in der damaligen Bundesrepublik.